Autonomie und Autarkie als Gestaltungsmittel

Energieautarkie von Mehrfamilienhäusern in Cottbus

Autonomie und Autarkie als Gestaltungsmittel
Autonomie und Autarkie als Gestaltungsmittel copyright 2019 by Andreas Kießling

Aufbruch zur Übernahme von Gestaltungshoheit

Die Ener­gie­wen­de bie­tet sowohl Chan­cen für neu­es Wachs­tum als auch zur Neu­de­fi­ni­ti­on der Gestal­tung von Gebäu­den, Quar­tie­ren und regio­na­len Land­schaf­ten unter Ein­be­zie­hung von Auto­no­mie und Aut­ar­kie als Gestal­tungs­mit­tel. Lei­der wer­den aktu­ell in der poli­ti­schen Dis­kus­si­on vor­ran­gig die Schwie­rig­kei­ten beim Umbau des Ener­gie­sys­tems dis­ku­tiert. Das Umbau­tem­po wird ent­ge­gen den Not­wen­dig­kei­ten zum Kli­ma­schutz nied­rig gehal­ten. Der poli­ti­schen Eli­te man­gelt es an der Fähig­keit, die neu­en Chan­cen für die Gesell­schaft mit Über­nah­me von Gestal­tungs­ho­heit durch Vie­le auf Basis von Inspi­ra­ti­on und Inno­va­ti­on zu begrei­fen und zu beför­dern.

Damit ver­liert Poli­tik aber den Kon­takt zum gesell­schaft­li­chen Han­deln. Die Hoheit zur Pla­nung loka­ler Ener­gie­sys­te­me wird durch Men­schen, Unter­neh­men, Kom­mu­nen und Regio­nen längst über­nom­men. Viel­fäl­ti­ge Bei­spie­le zur Anwen­dung von Auto­no­mie und Aut­ar­kie als Gestal­tungs­mit­tel ent­wi­ckeln sich.

Die neue Bei­trags­rei­he im Blog „Doku­men­ta­ti­on der Ener­gie­wen­de“ ver­folgt das Ziel, die­se Bei­spie­le in das brei­te Bewusst­stein der Öffent­lich­keit zu brin­gen. Im hier vor­lie­gen­den Arti­kel wird die Umset­zung der Ener­gie­aut­ar­kie anhand von zwei Mehr­fa­mi­li­en­häu­sern in Cott­bus vor­ge­stellt. Der tech­ni­sche Vor­stand des Betrei­bers die­ser Gebäu­de, Arved Hart­lich von der eG Woh­nen 1902, stell­te sich freund­li­cher­wei­se für ein Inter­view zur Ver­fü­gung, um das Kon­zept zu erläu­tern und durch die Objek­te zu füh­ren.

Bevor wir auf das Gebäu­de­kon­zept ein­ge­hen, soll kurz das Ver­hält­nis von Auto­no­mie, Aut­ar­kie sowie das soli­da­ri­sche Zusam­men­wir­ken bei der Gestal­tung beleuch­tet wer­den.

Peter Eckardt defi­niert Gestal­tungs­mit­tel, in der bil­den­den, bau­en­den und ange­wand­ten Kunst wirk­sam wer­den­de Dimen­sio­nen, Über­ein­stim­mun­gen, Dif­fe­ren­zen, Kon­tras­te, Grenz- bzw. Rich­tungs­wer­te, die in einem jeweils gege­be­nen Zusam­men­hang (Dar­stel­lungs­form) oder auch iso­liert eine Gestal­tung bewir­ken.

Um nun Auto­no­mie und Aut­ar­kie in Gebäu­den und Land­schaf­ten zu schaf­fen, benö­ti­gen wir zuerst die Defi­ni­ti­on von Auto­no­mie und Aut­ar­kie als Gestal­tungs­mit­tel.

Bedeutung von Autonomie und Autarkie als Gestaltungsmittel

Die Bestre­bun­gen zur Auto­no­mie und Aut­ar­kie sind ein legi­ti­mes Gestal­tungs­in­ter­es­se des Ein­zel­nen oder von Grup­pen. Gleich­zei­tig ver­fol­gen Men­schen als sozia­le Wesen gemein­schaft­li­che Inter­es­sen sowie zei­gen die Fähig­keit zur gegen­sei­ti­gen Unter­stüt­zung. Somit beschreibt der Begriff Soli­da­ri­tät die Bereit­schaft der Ein­zel­nen zu koope­rie­ren. In die­sem Kon­text ist es not­wen­dig, die Begrif­fe Auto­no­mie und Aut­ar­kie zu defi­nie­ren.

Mit Auto­no­mie wird das Wech­sel­spiel zwi­schen Eigen­ge­stal­tung und Zusam­men­wir­ken beschrie­ben. Die Gestal­tungs­ho­heit in Gebäu­den, Area­len oder regio­na­len Land­schaf­ten als Sys­tem­gren­ze Ein­zel­ner oder von Gemein­schaf­ten wird über­nom­men. Aber dies fin­det gleich­zei­tig im Ver­hält­nis zur Sys­tem­um­ge­bung als ein­bet­ten­des Sys­tem statt, also in Bezie­hung oder in Soli­da­ri­tät zu Ande­ren. Der Grad die­ser Bezie­hung ist einer­seits frei gewählt und gestal­tet, wird aber auch durch die Gesell­schaft bestimmt.

Die Aut­ar­kie eines Sys­tems bedeu­tet eine extrem vom Außen abge­grenz­te Exis­tenz in dem Sin­ne, dass der oder das Ande­re in der Sys­tem­um­ge­bung nicht mehr nötig ist. Die­ser Weg wird teil­wei­se von der ein­bet­ten­den Gesell­schaft als unso­li­da­risch bezeich­net. Ander­seits sind ver­bun­de­ne, zen­tral orga­ni­sier­te Sys­te­me bei hohem Grad der Ver­net­zung viel­fäl­ti­gen Gefah­ren aus­ge­setzt. Ein Aus­fall der Ener­gie- und Was­ser­ver­sor­gung auf zen­tra­ler Ebe­ne führt in der Regel zum Aus­fall in den Teil­sys­te­men. Inso­fern ist das Bestre­ben nach Aut­ar­kie auch ein Bei­trag, wich­ti­ge Grund­funk­tio­nen in Gebäu­den, Städ­ten und Regio­nen auf­recht­zu­er­hal­ten. Dies unter­stützt wie­der­um die Funk­ti­on des Gan­zen. Aber auch in dünn besie­del­ten Regio­nen und auf Inseln sind aut­ar­ke Lösun­gen oft kos­ten­güns­ti­ger als zen­tral orga­ni­sier­te Infra­struk­tu­ren.

Sowohl mit Auto­no­mie und Aut­ar­kie als Gestal­tungs­mit­tel wird Unab­hän­gig­keit in unter­schied­li­chem Grad aus­ge­prägt. Dabei ist sich der Auto­no­me sei­ner grund­sätz­li­chen Abhän­gig­keit von Bezie­hun­gen nach außen bewusst, wäh­rend der Aut­ar­ke die­se Ver­bin­dung in rea­ler Wei­se oder auch nur gewünscht nicht benö­tigt.

Energieautarkie in einem Cottbuser Stadtquartier der Wohnungsgenossenschaft

Ende Sep­tem­ber fand in Cott­bus der Besuch der ers­ten ener­gie­aut­ar­ken Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser statt, die von der Woh­nungs­ge­nos­sen­schaft betrie­ben wer­den. In die­sen Objek­ten wird den Woh­nungs­mie­tern über fünf Jah­re eine sta­bi­le Pau­schal­mie­te garan­tiert, in der Woh­nen, Wär­me und Strom als Fest­preis ent­hal­ten sind. Der größ­te Teil der benö­tig­ten Ener­gie wird hier­bei mit Solar­wär­me- und Solar­strom-Anla­gen erzeugt. Bekannt sind natür­lich ent­spre­chen­de Lösun­gen in Ein­fa­mi­li­en­häu­sern. Im Mehr­fa­mi­li­en­haus ist die­ses Kon­zept auf­grund viel­fäl­ti­ger büro­kra­ti­scher Hür­den neu. Auf die­se Hür­den wer­den wir noch ein­ge­hen, doch soll an die­ser Stel­le zuerst das tech­ni­sche Kon­zept beleuch­tet wer­den.

Die grund­sätz­li­che Idee für die­se Häu­ser wur­de von Pro­fes­sor Timo Leu­ke­feld, der an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Frei­berg lehrt, ent­wi­ckelt. Die wei­te­re Aus­ar­bei­tung erfolg­te in Gemein­schafts­ar­beit zwi­schen der Cott­bus­ser Woh­nungs­ge­nos­sen­schaft – der eG Woh­nen 1902 — und der HELMA Eigen­heim­bau AG. Der ener­ge­ti­sche Ansatz wur­de dabei zuerst im Rah­men eines Simu­la­ti­ons­sys­tems kon­zi­piert und auf sei­ne Funk­ti­on über die gesam­te Peri­ode eines Kalen­der­jah­res von der FI Frei­berg Insti­tut GmbH ana­ly­siert.

An die­ser Stel­le ist even­tu­ell über den zum Gebäu­de­kon­zept genutz­ten Begriff Ener­gie­aut­ar­kie zu dis­ku­tie­ren. Die Gebäu­de sind über den größ­ten Zeit­raum eines Kalen­der­jah­res ener­ge­tisch unab­hän­gig, benö­ti­gen aber zumin­dest in den Win­ter­mo­na­ten zusätz­li­chen Hei­ze­be­darf und Strom. Aber bezüg­lich des Gra­des der Ener­gie­au­to­no­mie errei­chen die Objek­te eine Eigen­ver­sor­gungs­quo­te von unge­fähr 70 Pro­zent für Strom und Wär­me.

Grund­sätz­lich ähneln sich die tech­ni­schen Kon­zep­te für auto­no­me Gebäu­de. In Cott­bus wur­de aber neben der auto­no­men Strom­ver­sor­gung beson­de­rer Wert auf einen hohen Grad der eige­nen Wär­me­ver­sor­gung in Ver­bin­dung mit der Warm­was­ser­auf­be­rei­tung sowie auf Küh­lung im Som­mer gelegt.

Konzept zur Stromversorgung

Die Strom­ver­sor­gung dient zwei vier­ge­schos­si­gen Mehr­fa­mi­li­en­häu­sern (3 Voll­ge­schos­se plus Dach­stu­dio) mit zwei 5‑Raum-Woh­nun­gen, zwei 2‑Raum-Woh­nun­gen sowie zehn 3‑Raum-Woh­nun­gen. Die Gesamt­wohn­flä­che in jedem der zwei als Effi­zi­enz­haus 55 geplan­ten Gebäu­de beträgt 600 Qua­drat­me­ter, wobei die Wohn­flä­chen je Woh­nung zwi­schen 50 und 130 Qua­drat­me­ter lie­gen.

Die Strom­ver­sor­gung bei­der Gebäu­de basiert auf jeweils einer Pho­to­vol­ta­ik­an­la­ge mit einer Spit­zen­leis­tung von 30 Kilo­watt. Das Dach wur­de zur Maxi­mie­rung der Ener­gie­aus­beu­te auch bei tief ste­hen­der Son­ne süd­lich mit einer 50 Grad stei­len Dach­schrä­ge aus­ge­rich­tet.

Zur Errei­chung des geplan­ten Aut­ar­kie­grad der Strom­ver­sor­gung in Höhe von 75 bis 80 Pro­zent wer­den Lithi­um-Ionen-Bat­te­ri­en mit einer nutz­ba­ren Kapa­zi­tät von 42 Kilo­watt­stun­den pro Haus ein­ge­setzt.

Zur Bela­dung der Elek­tro­fahr­zeu­ge der Mie­ter im Wohn­quar­tier die­ser bei­den Gebäu­de wur­den zwei Lade­säu­len bereit­ge­stellt. Um aber den hohen Aut­ar­kie­grad der Gebäu­de zur Strom­ver­sor­gung der Woh­nun­gen nicht zu redu­zie­ren, erfolgt die Ver­sor­gung der Lade­säu­len über einen öffent­li­chen Strom­an­schluss.

Über­schüs­se der Strom- und Wär­me­er­zeu­gung wer­den zuerst in das die zwei Objek­te eins­clie­ßen­de Wohn­quar­tier abge­ge­ben. Das gesam­te Grund­stück des Wohn­quar­tiers befin­det sich im Eigen­tum der Woh­nungs­ge­nos­sen­schaft, womit die Lösung ein geschlos­se­nes Netz einer pri­va­ten Ener­gie­zel­le im Quar­tier bil­det. Durch das Ver­fah­ren der Eigen­ver­brauchs­ma­xi­mie­rung wird die Ener­gie­ein­spei­sung in das exter­ne Netz kon­zep­tio­nell ver­mie­den. Das Gesamt­syts­tem trägt somit zur Netz­ent­las­tung in Zei­ten hoher Solar­strom­erzeu­gung bei.

Die wär­me­sei­ti­ge Ver­net­zung der auto­no­men Gebäu­de mit dem umge­ben­den Wohn­quar­tier der Genos­sen­schaft auf Basis der nach­fol­gend beschrie­be­nen Wär­me­kon­zep­tes führt wei­ter­hin zu einem höhe­ren Nut­zungs­grad der Solar­ther­mie und erbringt somit einem zusätz­li­chen Nut­zen für die Bewoh­ner des Quar­tiers.

Wärmekonzept

Zur Errei­chung eines hohen Auto­no­mie­gra­des bei der Wär­me­ver­sor­gung wur­de zuerst Wert auf ein opti­mal däm­men­des Mau­er­werk gelegt. Des­halb erfolg­te der Ein­satz mono­li­thi­scher Zie­gel zur äuße­ren Däm­mung und teil­wei­se von Mau­er­werks­zie­geln zur Erhö­hung der inne­ren Wär­me­spei­cher­fä­hig­keit. Damit konn­te der Wär­me­be­darf auf 18 KWh pro Qua­drat­me­ter Wohn­flä­che und Jahr bei 21 Grad durch­schnitt­li­cher Raum­tem­pe­ra­tur im Gebäu­de begrenzt wer­den. Die­sen Bedarf deckt weit­ge­hend eine Solar­ther­mie­an­la­ge auf der Süd­sei­te des Daches mit einer Kol­lek­tor­flä­che von 100 Qua­drat­me­tern.

Das sola­re Wär­me­an­ge­bot soll­te eine Eigen­ver­sor­gungs­quo­te für Hei­zung und Warm­was­ser in Höhe von 62 bis 67 Pro­zent ermög­li­chen. Dafür wur­de ein gro­ßer Wär­me­spei­cher als Schich­ten­spei­cher mit einem Volu­men von 24 Kubik­me­tern im Zen­trum jedes Gebäu­des errich­tet.

Die Warm­was­ser­auf­be­rei­tung erfolgt über eine Frisch­was­ser­sta­ti­on. Hier­mit wird zum Bei­spiel Wär­me am Anschluss der Wasch­ma­schi­ne über den Hei­zungs­kreis­lauf über­tra­gen, wenn der Was­ser­hahn geöff­net wird. Die Funk­ti­on ent­spricht im Prin­zip einem Durch­lauf­er­hit­zer. Mit dem vor­ge­wärm­ten Was­ser wird Strom zum Hei­zen beim Wasch­vor­gang gespart. Eine Frisch­was­ser­sta­ti­on gilt gegen­über einem Durch­lauf­er­hit­zer als effi­zi­en­ter.

Zusätz­lich erhö­hen Anla­gen zur Wär­me­rück­ge­win­nung die Effi­zi­enz der Wär­me­nut­zung in den Woh­nun­gen. Durch eine Lüf­tungs­an­la­ge kann der Ener­gie­in­halt der Abluft genutzt wer­den, um die Zuluft zu tem­pe­rie­ren. In der kal­ten Jah­res­zeit wird die Zuluft erwärmt und in der war­men Jah­res­zeit gekühlt. Bei der zuneh­mend dich­ten Bau­wei­se von Gebäu­den die­nen die Rück­ge­win­nungs­an­la­gen auch dazu, Feuch­tig­keit abzu­füh­ren und der Schim­mel­bil­dung vor­zu­beu­gen.

Zur Deckung des rest­li­chen Wär­me­be­dar­fes, ins­be­son­de­re im Win­ter, dient eine Gas-Brenn­wert­ther­me zur Zusatz­be­hei­zung des obe­ren Wär­me­spei­cher­be­rei­ches.

Schluss­end­lich unter­stüt­zen für vier Erd­son­den mit einer Bohr­tie­fe von 75 Metern die zusätz­li­che Küh­lung der Gebäu­de in den war­men Jah­res­zei­ten. Mit Unter­stüt­zung der Erd­wär­me kann die Tem­pe­ra­tur in den Woh­nun­gen im Som­mer um durch­schnitt­lich 1,5 bis 2 Grad gesenkt wer­den.

Wärmespeicher für Solarhaus in Cottbus

Der Wär­me­spei­cher; Quel­le:  www.cottbus-sonne.de

Projektpartner

Das Ziel des For­schungs­pro­jek­tes „Ever­sol-MFH“ besteht in der Unter­su­chung der zwei ver­netz­ten, mit hohem Anteil an Solar­ener­gie ver­sorg­ten Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser. Neben der tech­nisch-wirt­schaft­li­chen Eva­lu­ie­rung des Ener­gie­kon­zepts spielt auch die sozio­lo­gi­sche Beglei­tung des vom BMWi geför­der­ten Pro­jekts eine wich­ti­ge Rol­le. Die oben genann­ten Gra­de der Eigen­ver­sor­gung für Hei­zung und Warm­was­ser sowie Strom stel­len eine klei­ne Revo­lu­ti­on dar. Dabei kommt auch ein neu­ar­ti­ges Miet­mo­dell unter Ein­schluss pau­scha­ler Betriebs­kos­ten zum Ein­satz. Die dafür nöti­ge Pla­nungs­si­cher­heit wird durch die hohen Eigen­ver­sor­gungs­quo­ten erreicht.

Das Kon­zept wird durch ein umfas­sen­des ener­ge­ti­sches Moni­to­ring der Gebäu­de bis 2021 geprüft. Dies erfolgt mit­tels Gebäu­de- und Quar­tiers­si­mu­la­tio­nen am Lehr­stuhl für Tech­ni­sche Ther­mo­dy­na­mik (Prof. Dr.-Ing T. Fie­back) der TU Berg­aka­de­mie Frei­berg.

Das Frei­berg Insti­tut als Part­ner der Uni­ver­si­tät beschäf­tigt sich mit dem The­ma Pau­schal­miet­mo­del­le und der Ana­ly­se der gewon­ne­nen Daten aus dem Moni­to­ring.

Neben ener­ge­ti­schen, recht­li­chen und öko­no­mi­schen Fra­gen wird die sozio­lo­gi­sche Beglei­tung der Mie­ter und die Fra­ge nach den Aus­wir­kun­gen pau­scha­ler Miet­mo­del­le auf das Wohn- und Ener­gie­ver­brauchs­ver­hal­ten eine wich­ti­ge Rol­le spie­len. Die Ergeb­nis­se aus dem Pro­jekt wer­den inten­siv mit der Woh­nungs­wirt­schaft dis­ku­tiert. Wei­ter­hin besteht eine Zusam­men­ar­beit mit den Ver­bän­den der Woh­nungs­wirt­schaft VSWG e.V. und GdW. Hier­bei soll einer­seits die Ver­brei­tung der Erkennt­nis­se inner­halb der Bran­che als auch eine Betrach­tung aktu­el­ler Fra­ge­stel­lun­gen aus der Woh­nungs­wirt­schaft inner­halb des Pro­jekts und des­sen Ziel­set­zun­gen erfol­gen.

Workshop zum Energiekonzept autonomen Solarhaus Cottbus

Work­shop: Pau­schal­mie­te in der Woh­nungs­wirt­schaft (Quel­le: tradu4you)

Ansprech­part­ner: Moni­to­ring — Dr.-Ing. Tho­mas Storch; Pau­schal­mie­te — Kon­rad Uebel (mail@freiberg-institut.de)

Politischer Rahmen für Autonomie und Autarkie als Gestaltungsmittel

Die recht­li­chen Hür­den für auto­no­me Lösun­gen wur­den schon ange­spro­chen. Die Bun­des­po­li­tik befürch­tet den Ver­lust eines soli­da­ri­schen und seit über 100 Jah­ren zen­tral orga­ni­sier­ten Sys­tems. Die Nutz­nie­ßer der bis­he­ri­gen Orga­ni­sa­ti­on des Ener­gie­sys­tems stüt­zen die­se The­se. Ände­run­gen gesetz­li­cher Rah­men­be­dinun­gen zur Ener­gie­wen­de leg­ten in den letz­ten Jah­ren dezen­tra­len Lösun­gen zuneh­mend Stei­ne in den Weg. Dies trifft sowohl für Kon­zep­te der Mie­ter­ver­sor­gung, für die Bil­dung von Ener­gie­ge­mein­schaf­ten als auch für Quar­tiers­lö­sun­gen mit Gemein­schafts­an­la­gen zu. Selbst im nicht öffent­li­chen Raum bestehen­de und bestimm­te Anla­gen­grö­ßen über­schrei­ten­de Instal­la­tio­nen wer­den mit den voll­stän­di­gen Abga­ben oder ent­spre­chend hohen Antei­len belegt. Dies behin­dert die Wirt­schaft­lich­keit von Gemein­schafts­an­la­gen. Erschwe­rend wirkt, dass die Nut­zung der­ar­ti­ger Anla­gen in Quar­tie­ren bei Über­schrei­tung bestimm­ter Leis­tungs­gren­zen schnell mit den gesetz­li­chen Pflich­ten eines Ener­gie­ver­sor­gers ver­bun­den ist. Die dabei ent­ste­hen­den kom­ple­xen Pro­zes­se sind nicht durch Haus­ge­mein­schaf­ten oder Woh­nungs­wirt­schaft umzu­set­zen.

Durch Exper­ten wird die Not­wen­dig­keit der Umge­stal­tung der gesetz­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen im Bereich der Ener­gie­ver­sor­gung für den Eigen­be­darf, für Mie­ter sowie für ande­re For­men von Gemein­schaf­ten gefor­dert. Im Hin­blick auf den not­wen­di­gen Umbau des Ener­gie­sys­tems bie­ten Auto­no­mie und Aut­ar­kie als Gestal­tungs­mit­tel hohe Chan­cen, den Anteil der Erneu­er­ba­ren Ener­gi­en in den Städ­ten und Gemein­den schnell zu erhö­hen. Die Ener­gie­po­ten­tia­le auf Basis der Nut­zung der Gebäu­de­dä­cher und ‑fas­sa­den sind nur in gerin­gem Maße erschlos­sen. Die Mög­lich­kei­ten des Gebäu­de­ent­wur­fes zum Ein­satz die­ser Poten­tia­le sind heu­te tech­nisch viel­fäl­tig mög­lich. Der poli­ti­sche Rah­men zur Beför­de­rung der Nut­zung fehlt.

Eigeninitiative und Zusammenwirken als Gestaltungsmittel für den Klimaschutz

Der Gedan­ke zur Ener­gie­au­to­no­mie fand im Cott­bu­ser Stadt­quar­tier der Woh­nungs­ge­nos­sen­schaft „eG Woh­nen 1902“ sei­ne Umset­zung. Die Gebäu­de wer­den seit Anfang 2019 ver­mie­tet und genutzt. Die Mie­ter freu­en sich über die Sicher­heit eines fixen Ener­gie­prei­ses über fünf Jah­re um Umfeld stei­gen­der Ener­gie­prei­se. Was dies für den Ener­gie­ver­brauch in den Gebäu­den bedeu­tet, ist in den nächs­ten Jah­ren zu unter­su­chen. Hier­an betei­li­gen sich die Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Frei­berg und das Frei­berg Insti­tut.

Teil­wei­se befin­den sich der­ar­ti­ge Lösun­gen heu­te noch im gesetz­li­chen „Grau­be­reich“ und ihre lang­fris­ti­ge Nut­zung ist unklar. Die Mie­ter haben einen fes­ten Ener­gie­lie­fer­ver­trag mit dem Betrei­ber zur Nut­zung der auto­no­men Ener­gie­tech­nik. Soll­te sich der Rah­men zu Unguns­ten der­ar­ti­ger dezen­tra­ler Ener­gie­ge­mein­schaf­ten ent­wi­ckeln, droht die Auf­he­bung der ange­wen­de­ten Abrech­nungs­me­tho­de. Hier ist der Gesetz­ge­ber gefor­dert.

Die Bun­des­re­gie­rung adres­sier­te mit dem Kli­ma­schutz­pa­ket auch die Stei­ge­rung der Ener­gie­ef­fi­zi­enz und das Ener­gie­ma­nage­ment in den Gebäu­den. Das Inter­es­se an der­ar­ti­gen Gestal­tungs­maß­nah­men kann aber nur dann breit ent­fal­tet wer­den, wenn Auto­no­mie und Akzep­tanz als Gestal­tungs­mit­tel akti­viert wird. Akti­vi­tä­ten in Cott­bus und an ande­ren Stand­or­ten sind also zu beför­dern und nicht als Ver­let­zung der Soli­da­ri­tät her­ab­zu­wür­di­gen. Dies for­dert auch eine EU-Direk­ti­ve zur Beför­de­rung von loka­len Ener­gie-Com­mu­nities, zu deren Umset­zung Deutsch­land ver­pflich­tet ist.

Andre­as Kieß­ling und Kon­rad Uebel, Lei­men, 24. Okto­ber 2019

 

Andreas Kießling
Über Andreas Kießling 55 Artikel
Andreas Kießling hat in Dresden Physik studiert und lebt im Raum Heidelberg. Er beteiligt sich als Freiberufler und Autor an der Gestaltung nachhaltiger Lebensräume und zugehöriger Energiekreisläufe. Dies betrifft Themen zu erneuerbaren und dezentral organisierten Energien. Veröffentlichungen als auch die Aktivitäten zur Beratung, zum Projektmanagement und zur Lehre dienen der Gestaltung von Energietechnologie, Energiepolitik und Energieökonomie mit regionalen und lokalen Chancen der Raumentwicklung in einer globalisierten Welt.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


vierzehn + vier =