Zielscheibe der Energiewende-Kritiker

Fragen an einen Energiewende-Kritiker

Nachruf zum Öffentlichen Brief an einen Energiewende-Kritiker

Sehr geehrter Energiewende-Kritiker,

völ­lig legi­tim ist es natür­lich, eine ande­re Mei­nung zu ver­tre­ten.  An die­ser Stel­le besteht auch nicht die Absicht, ihnen die phy­si­ka­li­sche und tech­no­lo­gi­sche Kom­pe­tenz abzu­spre­chen. Die Fra­ge lau­tet nur, ob ihrer Dis­kus­si­on als Ener­gie­wen­de-Kri­ti­ker eine zu schma­le Welt­sicht zugrun­de liegt? Wer­den Lite­ra­tur­quel­len und Stu­di­en vor­ran­gig zur Unter­stüt­zung ihrer Zie­le aus­ge­wählt und treibt sie der Ehr­geiz, den eige­nen Blick­win­kel der gesam­ten Gesell­schaft aufzuprägen?

Wer die eige­ne Mei­nung unter hohem Auf­wand in die Gesell­schaft trägt, soll­te auch bereit sein, sich den Kri­ti­kern des eige­nen Stand­punk­tes zu stel­len, statt sich nur mit den Jün­gern der eige­nen Bot­schaft zu umge­ben. So war auch mein Ver­such zu ver­ste­hen, mit ihnen in den Aus­tausch zu tre­ten, den sie lei­der ignorierten.

Das Pro­blem mit der blin­den Gefolgs­schaft bei Jün­gern ist, dass die Predik­ten des Anfüh­rers meis­tens nicht mehr aus­rei­chend hin­ter­fragt wer­den. Bestä­tigt nun die­ser Kreis den Pre­di­ger regel­mä­ßig in sei­ner Mei­nung und der Wort­füh­rer unter­lässt die kri­ti­sche Dis­kus­si­on mit Gesprächs­part­nern außer­halb des Netz­wer­kes, folgt Blind­heit bezüg­lich eige­ner Denk­feh­ler und neu­er Wege.

In ande­rer Wei­se lässt sich ihr ein­sei­ti­ges Enga­ge­ment für Ener­gie aus der Kern­spal­tung nicht mehr interpretieren.

Zwar sind ihre Zwei­fel nach­zu­voll­zie­hen, ob allein Ener­gie aus Son­ne, Wind und Was­ser den Ener­gie­be­darf der Mensch­heit für das nächs­te Jahr­hun­dert decken kann. Hier­zu zäh­len natür­lich auch die Zie­le der Mensch­heit zu ande­ren Ster­nen zu gelan­gen und die For­men der Roh­stoff­nut­zung auf völ­lig neue Säu­len zu stel­len. Aber sie wer­fen den Ver­tre­tern Erneu­er­ba­rer Ener­gien vor, eine zu enge tech­no­lo­gi­sche Sicht auf die Mög­lich­kei­ten der Zukunft zu haben, um eine noch ver­eng­te­re Sicht selbst in ihrer soge­nann­ten Kolum­ne “Die Ener­gie­fra­ge” anzuwenden.

 

Was treibt die Verteidiger der Hochrisiko-Technologie Kernspaltung?

Ihre ein­ge­renz­te Sicht auf Kern­ener­gie bleibt unver­ständ­lich, ins­be­son­de­re aus Sicht mei­nes ursprüng­li­chen Beru­fes als Kern­phy­si­ker. Wenn sie ihren per­sön­li­chen Fokus auf die Kern­ener­gie aus­rich­ten, war­um schla­gen sie sich enga­giert auf die Sei­te der Kern­spal­tung, wenn doch die Kern­fu­si­on zukunfts­träch­ti­ger ist? Was treibt sie, die Gefah­ren der Radio­ak­ti­vi­tät zu ver­nied­li­chen, wenn ein­ge­setz­te Atom­bom­ben, wei­te­re Atom­bom­ben­ver­su­che sowie Unglü­cke mit Kern­kraft­wer­ken soviel Unglück über die Men­schen gebracht haben? Unter die­sem Blick­win­kel ist einer der Arti­kel in ihrer Kolum­ne „Die Ener­gie­fra­ge“ unter der Num­mer 53 mit dem bezeich­nen­den Titel „Ein­satz von Kern­ener­gie – ein Gebot der Ethik?“ schon fast maka­ber.  Ich zitie­re Dr. Friederich:

 “ Über­haupt ist die Tat­sa­che, dass es erns­te Unfäl­le in Kern­kraft­wer­ken gege­ben hat, kein Grund, auf Kern­ener­gie zu ver­zich­ten – nicht mehr jeden­falls, als der Unter­gang der Tita­nic ein Grund gewe­sen wäre, auf Schiff­fahrt zu ver­zich­ten, und nicht mehr, als der Bruch des Ban­qio-Damms in Chi­na 1975 mit über 170.000 Toten ein Grund gewe­sen wäre, auf Was­ser­kraft zu ver­zich­ten. Inge­nieu­re, die neue Reak­to­ren ent­wer­fen, haben ihre Schlüs­se aus Tscher­no­byl und Fuku­shi­ma gezo­gen. Sie zie­hen beim Design neu­er Reak­to­ren nicht nur Erd­be­ben und Tsu­na­mis in Betracht, son­dern auch mög­li­che Ter­ror­ak­te und Flugzeugabstürze.“

Der Unter­gang der Tita­nic wird mit der Ver­nich­tung gan­zer Lebens­räu­me im Umkreis vie­ler Hun­dert von Qua­drat­ki­lo­me­tern weit­räu­mig um Tscher­no­byl und Fuku­shi­ma ver­gli­chen. Fas­sungs­lo­sig­keit mach sich breit.

Die gesam­te Dis­kus­si­on in der Kolum­ne „Die Ener­gie­fra­ge“ ist davon­ge­tra­gen, mit der Kern­ener­gie eine Tech­no­lo­gie hoch­le­ben und ande­re Tech­no­lo­gien zur Nut­zung von Son­ne und Wind zu bekämp­fen. Wäh­rend der Her­aus­ge­ber den Ver­tre­tern Erneu­er­ba­rer Ener­gien Ein­sei­tig­keit vor­wirft, lässt er selbst genau die­se Tech­no­lo­gie­of­fen­heit ver­mis­sen. Hin­zu kommt, dass er der Poli­tik vor­wirft, nicht mehr die Bür­ger zu ver­tre­ten und zu einer neu­en „Bür­ger­be­we­gung für Kern­ener­gie“ auf­ruft, aber gleich­zei­tig die Chan­cen für loka­le Bür­ger­en­er­gie und regio­na­le Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten der Erneu­er­ba­ren Ener­gien und wei­te­rer For­schungs­an­sät­ze für neue Ener­gie­tech­no­lo­gien völ­lig ignoriert.

 

Kernenergie ist keine Bürgerenergie!

Der Stand­punkt vom Ener­gie­wen­de-Kri­ti­ker und Her­aus­ge­ber der genann­ten Kolum­ne wür­de zum The­men­kreis Bür­ger­en­er­gie, Selbst­ge­stal­tung und Auto­no­mie, dem Ver­hält­nis von Sub­si­dia­ri­tät und Glo­ba­li­sie­rung im Kon­text der Ener­gie­fra­ge, der Demo­kra­ti­sie­rung der welt­wei­ten Ener­gie­wirt­schaft als Grund­la­ge für wirt­schaft­li­ches Wachs­tum in Län­dern, wo aktu­ell noch Mil­li­ar­den Men­schen der Zugang zur Elek­tri­zi­tät fehlt, sehr interessieren.

Wel­chen Sinn soll eine gefor­der­te Bür­ger­be­we­gung für Kern­ener­gie haben, die sie als neu­ge­grün­de­te, euro­päi­sche Bür­ger­be­we­gung unter dem Titel „Nuclear Pri­de Coali­ti­on“ fei­ern und die nur wenig Groß­kon­zer­ne der Welt rei­cher macht, wenn wir schon eine Bewe­gung für Ener­gie in der Bür­ger­hand haben, die die Ener­gie­fra­ge demo­kra­ti­siert und in die Ver­ant­wor­tung der Mehr­heit legt. Haben sie schon ein­mal dar­über nach­ge­dacht oder ver­tre­ten sie nur die Inter­es­sen weni­ger Unternehmen?

Sie zitie­ren Micha­el Shel­len­ber­ger, des­sen Aus­sa­gen zwar dar­in zu stüt­zen sind, dass dort der Lebens­stan­dard steigt, wo Ener­gie güns­tig im Über­fluss zu haben sei, dabei die Lebens­er­war­tung, das Bil­dungs­ni­veau und die all­ge­mei­ne Lebens­qua­li­tät zunimmt. Aber sein Engan­ge­ment für die klas­si­schen For­men der Kern­ener­gie ver­spricht genau das Gegen­teil und führt in die Abhän­gig­keit der Men­schen von weni­gen Unter­neh­men. Eine Bür­ger­be­we­gung für Kern­ener­gie ist ein Wider­spruch in sich. Bür­ger­be­we­gun­gen ste­hen für Demo­kra­tie, für Eigen­ver­ant­wor­tung und Mit­ge­stal­tung. Bür­ger­be­we­gun­gen rich­ten sich in der Regel gegen die Bevor­mun­dung von zu viel Staat, gegen Abhän­gig­kei­ten einer glo­ba­len Indus­trie und beto­nen Sub­si­dia­ri­tät. Mit dem Enga­ge­ment für gro­ße Kern­kraft­wer­ke wür­de eine Bür­ger­be­we­gung sich selbst ad absur­dum führen.

 

Neue Chancen schaffen und die Nutzung vorantreiben

Wie gesagt, das The­ma Kern­ener­gie soll­te klar in zwei Kate­go­rien zer­legt wer­den. Wäh­rend die Kern­spal­tung als Hoch­ri­si­ko-Tech­no­lo­gie auf den Müll­hau­fen der Geschicht gehört, bie­tet die Kern­fu­si­on neue Mög­lich­kei­ten und kann Chan­cen eröff­nen. Hier­zu las­sen sich auch hei­ße Ver­fah­ren, die ohne den Weg­be­glei­ter Radio­ak­ti­vi­tät auf­tre­ten, als zukünf­ti­ge Grund­last­kraft­wer­ke einbeziehen.

Dazu gehö­ren Anla­gen, die nicht im ther­mo­dy­na­mi­schen Gleich­ge­wicht betrie­ben, son­dern durch Laser­im­pul­se befeu­ert wer­den. Hier­zu zählt ein Ver­fah­ren zur Fusi­on von Was­ser­stoff­ker­nen mit Bor unter Nut­zung extre­mer Laser­im­pul­se, das auf Grund­la­ge der tech­no­lo­gi­schen Fort­schrit­te im Bereich inten­si­ver Laser mög­lich wird. Die Reak­ti­on zwi­schen Was­ser­stoff und Bor setzt kei­ne Neu­tro­nen und damit kei­ne Radio­ak­ti­vi­tät frei. Es wer­den im Rah­men die­ser Fusi­ons­re­ak­ti­on aus­schließ­lich sta­bi­le Heli­um­ker­ne gebildet.

Dazu gehört aber bei offe­ner Sicht­wei­se auch, die Dis­kus­si­on in noch uner­forsch­ten Grenz­be­rei­chen der Phy­sik zu ermög­li­chen. Ein Bei­spiel hier­für ist die Unter­su­chung von „kal­ten“ Fusi­ons­re­ak­tio­nen, die die Kern­fu­si­on in jeden Haus­halt tra­gen und der wei­te­ren Zen­tra­li­sie­rung der Ener­gie­fra­ge eine zusätz­li­che dezen­tra­le Kraft­wir­kung ent­ge­gen­set­zen kann. Auch die Nut­zung magne­ti­scher Fel­der, die Kopp­lung der Gra­vi­ta­ti­ons­kraft mit elek­tro­ma­gne­ti­schen Wir­kun­gen sowie die Quan­ten­fluk­ta­tio­nen des Vaku­ums bie­ten viel­fäl­ti­ge Forschungsansätze.

Inso­fern bin ich mit ihnen in einem Punkt einig. Wir benö­ti­gen mehr Tech­no­lo­gie­of­fen­heit zur lang­fris­ti­gen Lösung der Ener­gie­fra­ge. Wir wis­sen nicht, was uns die Tech­no­lo­gie­zu­kunft des 21. Jahr­hun­derts noch brin­gen wird. Aber die alte Tech­no­lo­gie Kern­spal­tung mit aller Kraft zu ver­tei­di­gen und die hoff­nungs­vol­le Ent­wick­lung einer dezen­tral und demo­kra­tisch in Bür­ger­hand anwend­ba­ren Ener­gie­ge­win­nung durch Wind und Son­ne gleich­zei­tig zu bekämp­fen, zeugt davon, dass sie ihre gepre­dig­te Tech­no­lo­gie­of­fen­heit selbst nicht ernst nehmen.

Dann ergibt sich schnell die Fol­ge­rung, dass ihre Dis­kus­si­on als Ener­gie­wen­de-Kri­ti­ker inter­es­sen­ge­trie­ben geführt wird, oder?

 

Lei­men, den 28. Okto­ber 2018, Dipl.-Phys. Andre­as Kießling

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