Schwungrad der Energiewende

Fokus Energie und Energiewende-Blog - Schwungrad der Energiewende
Schwungrad der Energiewende. © Andreas Kießling. 2013

Viel­fäl­tig kur­siert das Wort ENERGIEWENDE. Doch wodurch ist die Ener­gie­wen­de gezeich­net? Was sind die eigent­li­chen Trei­ber, um der Trans­for­ma­ti­on des Ener­gie­sys­tems den not­wen­di­gen Schwung zur bestän­di­gen Fort­be­we­gung zu ver­lei­hen? Nach­fol­gen­de Dar­stel­lung des Schwung­ra­des der Ener­gie­wen­de dient der Beschrei­bung eines Pro­zes­ses zur erfolg­rei­chen Sys­tem­trans­for­ma­ti­on (Gestal­tung frei nach Jim Col­lins in “Der Weg zu den Bes­ten”, Cam­pus-Ver­lag, 2011).

Bei der Betrach­tung der Anschubfak­to­ren zur Ener­gie­wen­de stößt man auf die  Zie­le der Ener­gie­po­li­tik der EU zur Sen­kung von CO2, zur Ener­gie­ef­fi­zi­enz sowie zum schritt­wei­sen Umstieg auf erneu­er­ba­re Ener­gi­en. Nun stellt sich die Fra­ge, WER auf Basis die­ser drei Zie­le den Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess antreibt. Schnell wird klar, dass dies nur durch eine par­ti­zi­pa­ti­ve, gesamt­ge­sell­schaft­li­che Anstren­gung gelin­gen kann. Der Drei­klang die­ser Zie­le bot aber gleich­zei­tig die not­wen­di­gen Betei­li­gungs­chan­cen. Viel­fäl­ti­ge Initia­ti­ven von Bür­gern, inno­va­ti­ven Unter­neh­men – ins­be­son­de­re auch im Bereich der Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons-tech­no­lo­gie – sowie in den Städ­ten und Regio­nen ent­wi­ckel­ten sich. Die betrifft den Aus­bau der dezen­tra­len Erzeu­gung, regio­na­le Ener­gie­kon­zep­te als Teil neu­er Land­schafts­ent­wick­lungs­ide­en und neue For­men der Gebäu­de­ge­stal­tung zur Erhö­hung von Ener­gie­ef­fi­zi­enz mit dezen­tra­lem Ener­gie­ma­nage­ment. Dies ermög­lich­te neue Unter­neh­mens­kon­zep­te, neue Arbeits­plät­ze, regio­na­le Wert­schöp­fung sowie tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen mit welt­wei­ter Vor­rei­ter­funk­ti­on. Ener­gie­wen­de bedeu­tet im Kern Viel­falt.

Beim Ver­ständ­nis die­ses Pro­zes­ses wird schnell klar, dass die durch den euro­päi­schen Ener­gie­kom­mis­sar Oet­tin­ger in das Auge gefass­te Ände­rung der Ziel­rich­tung durch Fokus­sie­rung auf das Ziel zur CO2-Sen­kung bei aller Bedeu­tung des CO2-Zie­les das in Gang gesetz­te Schwung­rad stoppt. Gibt man die Zie­le für erneu­er­ba­re Ener­gi­en und für Ener­gie­ef­fi­zi­enz auf, endet die Anschub­funk­ti­on zur Ent­fal­tung viel­fäl­ti­ger gesell­schaft­li­cher Kräf­te. Koh­le­ver­bren­nung in Zusam­men­hang mit unter­ir­di­scher Lage­rung des Koh­len­di­oxids sowie Kern­kraft­wer­ke gewin­nen dann wie­der zuneh­mend Bedeu­tung. Das CO2-Ziel ist aus Sicht einer zen­tra­lis­tisch orga­ni­sier­ten Ener­gie­wirt­schaft mit weni­gen Akteu­ren aus­rei­chend, aber nicht aus Sicht eines dezen­tra­len Ener­gie­sys­tems mit viel­fäl­ti­gen Chan­cen und Akteu­ren sowie für Anstren­gun­gen zur Erhö­hung der Ener­gie­ef­fi­zi­enz. Unter wett­be­werb­li­cher Betrach­tung zur Ent­fal­tung neu­er Märk­te, Unter­neh­men und Tech­no­lo­gi­en, zur Selbst­ver­wirk­li­chung von Bür­gern und Städ­ten ist der Vor­schlag von Oet­tin­ger kon­tra­pro­duk­tiv. Zie­le für mehr Wett­be­werb und Ener­gie­ge­rech­tig­keit wer­den damit ver­fehlt.

Mit der Erkennt­nis, dass die Ener­gie­wen­de zuerst einen gesamt­ge­sell­schaft­li­chen, kul­tu­rel­len Gestal­tungs-pro­zess aus­löst, erge­ben sich schnell Ant­wor­ten auf die Fra­ge­stel­lung, WAS zu tun ist. Die neue Viel­falt, die hier­bei not­wen­di­ge Ver­net­zung unter Ein­be­zie­hung von Prosumen­ten und neue Orga­ni­sa­ti­ons­for­men füh­ren zur zuneh­men­den Kom­ple­xi­tät des Ener­gie­sys­tems. Deren Beherr­schung gelingt ers­tens durch Fle­xi­bi­li­sie­rung, ins­be­son­de­re auch durch die Inte­gra­ti­on von Infra­struk­tu­ren für Elek­tri­zi­tät, Gas, Wär­me und Mobi­li­tät. Dies erfor­dert aber zwei­tens die Inte­gra­ti­on von Erzeu­gern, Spei­chern und Ver­brau­chern, Ener­gie­ma­nage­ment in Lie­gen­schaf­ten in Inter­ak­ti­on mit Net­zen und Märk­ten, Abstim­mung zwi­schen Net­zen sowie zwi­schen Net­zen und Märk­ten. Die damit ent­ste­hen­den Mas­sen­pro­zes­se und der Aus­tausch klei­ner Ener­gie­men­gen erfor­dern stan­dar­di­sier­te Pro­zes­se sowie die zuneh­men­de Pro­zess­au­to­ma­ti­sie­rung, um kos­ten­güns­tig in dezen­tra­len Struk­tu­ren, ins­be­son­de­re auch in der Inter­ak­ti­on von Prosumen­ten, zu wir­ken.

Es ver­bleibt die Fra­ge­stel­lung, WIE die Anfor­de­run­gen zur Unter­stüt­zung der gesell­schaft­li­chen Viel­falt zu erfül­len sind. Fle­xi­bi­li­tät, Sys­tem­in­te­gra­ti­on sowie Pro­zess­au­to­ma­ti­sie­rung benö­ti­gen eine geschütz­te IKT-Infra­struk­tur als Inter­ak­ti­ons­ba­sis aller Akteu­re bis zu den Lie­gen­schaf­ten. Grund­la­ge für eine wett­be­werb­li­che, bar­rie­re­freie gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung ist Inter­ope­ra­bi­li­tät, die Stan­dards bei Pro­zes­sen, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Sicher­heit erfor­dert. Auf die­ser Grund­la­ge ent­wick­len sich viel­fäl­ti­ge, neue Geschäfts­mo­del­le im Ener­gie­sys­tem in Ana­lo­gie zur Geschäfts­mo­dell­ent­fal­tung im Inter­net. Da mit der Trans­for­ma­ti­on des Ener­gie­sys­tems Neu­land betre­ten wird, sind groß­flä­chi­ge Pilot­zo­nen zur Demons­tra­ti­on fle­xi­bi­li­sier­ter und inte­grier­ter Sys­te­me not­wen­dig. Die­se Zonen zei­gen ins­be­son­de­re, wie der Über­gang von einem zen­tra­lis­tisch geführ­ten Sys­tem zu einem Sys­tem geteil­ter Ver­ant­wor­tung mit loka­ler und regio­na­ler Inter­ak­ti­on sowie hier­ar­chi­scher Abstim­mung zu gestal­ten ist, wofür der Begriff eines zel­lu­la­ren Ener­gie­sys­tems steht.

Letzt­end­lich benö­tigt das zukünf­ti­ge Ener­gie­sys­tem ein neu­es Markt­de­sign, da das aktu­el­le Design für fos­si­le und nuklea­re Ener­gie­trä­ger err­rich­tet wur­de und erneu­er­ba­re Ener­gi­en nicht zu die­ser Gestal­tung pas­sen. Die sich ent­wi­ckeln­de Infra­struk­tur­grund­la­ge, neue Geschäfts­mo­del­le und das neue Markt­de­sign füh­ren zum ers­ten Umschwung des Schwung­ra­des der Ener­gie­wen­de. Die sich ver­än­dern­de gesell­schaf­ti­che Basis ist wie­der­um neu­er Anschub für das WER der gesell­schaft­li­chen Kräf­te, um das Rad wei­ter zu beschleu­ni­gen.

Damit bil­det der gesell­schaft­li­che Rah­men (im Schwung­rad der Buch­sta­be P für Poli­tik) die Grund­la­ge für die kul­tu­rel­le Ver­än­de­rung hin zu neu­en Ener­gie­land­schaf­ten (L für Land­schaft). Dar­aus resul­tie­ren­de Anfor­de­run­gen für neue tech­no­lo­gi­sche Grund­la­gen (T für Tech­no­lo­gie) erge­ben ein neu­es öko­no­mi­sches Hand­lungs­feld (E für OEkono­mie) zur Gestal­tung des sich im Zen­trum des Schwung­ra­des befind­li­chen Ener­gie­sys­tems (E für Ener­gie).

Andreas Kießling
Über Andreas Kießling 38 Artikel
Andreas Kießling hat in Dresden Physik studiert und lebt im Raum Heidelberg. Er beteiligt sich als Freiberufler und Autor an der Gestaltung nachhaltiger Lebensräume und zugehöriger Energiekreisläufe. Dies betrifft Themen zu erneuerbaren und dezentral organisierten Energien. Veröffentlichungen als auch die Aktivitäten zur Beratung, zum Projektmanagement und zur Lehre dienen der Gestaltung von Energietechnologie, Energiepolitik und Energieökonomie mit regionalen und lokalen Chancen der Raumentwicklung in einer globalisierten Welt.

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