Energie und Friedenspolitik

Energie und Friedenspolitik


Der Arti­kel „Ener­gie und Frie­dens­po­li­tik“ greift ein Zitat von Clau­dia Kem­fert auf, wonach fos­si­le Abhän­gig­kei­ten geo­po­li­ti­sche Risi­ken erzeu­gen und die Ener­gie­wen­de des­halb auch Frie­dens­po­li­tik sei. Der Bei­trag bestä­tigt die­sen Gedan­ken, erwei­tert ihn jedoch stra­te­gisch: Erneu­er­ba­re Ener­gien redu­zie­ren Brenn­stoff­ab­hän­gig­kei­ten und stär­ken loka­le Auto­no­mie, schaf­fen aber zugleich neue Abhän­gig­kei­ten von Roh­stof­fen, Lie­fer­ket­ten, Leis­tungs­elek­tro­nik, Spei­cher­tech­no­lo­gien und indus­tri­el­len Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten. Im Ergeb­nis zeigt sich: Eine wirk­lich frie­dens­fä­hi­ge Ener­gie­ord­nung darf nicht auf tech­no­lo­gi­sche Mono­kul­tu­ren set­zen. Sie braucht dezen­tra­le und Auto­no­mie bie­ten­de erneu­er­ba­re Ener­gien, Kern­ener­gie als ener­gie­dich­te und grund­last­fä­hi­ge Basis der Indus­trie und Raum­fahrt, Spei­cher und Net­ze als Inte­gra­ti­ons­schicht sowie Roh­stoff­kreis­läu­fe und Tech­no­lo­gie­of­fen­heit als stra­te­gi­sche Sicherheitsbedingung.

„Wir haben nicht den Luxus, irgend­ei­ne sau­be­re Ener­gie­tech­no­lo­gie aus­zu­schlie­ßen, wenn wir es mit dem Kli­ma­wan­del ernst meinen.“

— Fatih Birol, Exe­ku­tiv­di­rek­tor der Inter­na­tio­na­len Ener­gie­agen­tur (IEA), [10] 

 

Frage an ChatGPT zu Energie und Friedenspolitik

Zitat von Clau­dia Kem­fert: “Die Leh­ren aus Vene­zue­la, aus der Ukrai­ne und aus vie­len ande­ren geo­po­li­ti­schen Brenn­punk­ten sind ein­deu­tig: Fos­si­le Abhän­gig­kei­ten schaf­fen kei­ne Sicher­heit. Sie erzeu­gen Risi­ken. Die Ener­gie­wen­de ist des­halb weit mehr als Kli­ma­po­li­tik. Sie ist Frie­dens­po­li­tik.” [1]

Aus mei­ner Sicht reicht die Debat­te um die deut­sche Ener­gie­wen­de bezüg­lich des Zusam­men­han­ges von Ener­gie und Frie­dens­po­li­tik nicht weit genug. Bezüg­lich der Vor­tei­le Erneu­er­ba­rer Ener­gie wird regel­mä­ßig die Reduk­ti­on indi­vi­du­el­ler und loka­ler Abhän­gig­keit her­vor­ge­ho­ben. Die­se Ener­gie­quel­len ermög­li­chen Auto­no­mie sowie in Ver­bin­dung mit zel­lu­lä­ren Ener­gie­sys­te­men auch das gemein­schaft­li­che Wir­ken. Aber kann eine wei­ter­hin wach­sen­de und pro­spe­rie­ren­de Mensch­heit, die in das Welt­all strebt, allein auf einem Ener­gie­sys­tem mit erneu­er­ba­rer Ener­gie beru­hen? Erzeugt dies nicht neue Abhängigkeiten?

Erneu­er­ba­re beru­hen auf Tech­no­lo­gien, die Ange­bo­te mit gerin­ger Ener­gie­dich­te ver­ar­bei­ten (Was­ser­be­we­gun­gen auf Grund­la­ge der schwächs­ten Kraft — der Gra­vi­ta­ti­ons­en­er­gie, Wind als Luft­be­we­gung auf­grund von Tem­pe­ra­tur- und Druck­un­ter­schie­den, Solar­ener­gie mit einer mitt­le­ren, glo­ba­len Solar­kon­stan­te mit 342 MW je Qua­drat­ki­lo­me­ter). Je gerin­ger die Ener­gie­dich­te eines nutz­ba­ren Ener­gie­flus­ses ist, des­to mehr Flä­che, Anla­gen­struk­tur und Mate­ri­al­ein­satz wer­den in der Regel benö­tigt, um eine bestimm­te Ener­gie­men­ge bereit­zu­stel­len. Dage­gen benö­ti­gen Ver­fah­ren mit hoher Ener­gie­dich­te, zum Bei­spiel Kern­ener­gie, weni­ger Flä­che und Roh­stoff­ein­satz. Ein Ener­gie­sys­tem vor­ran­gig auf Grund­la­ge erneu­er­ba­rer Ener­gie erfor­dert den umfang­rei­chen Ein­satz an sel­te­nen Erden und Tech­no­lo­gie­me­tal­len, deren För­de­rung in weni­gen Län­dern statt­fin­det. Impor­te die­ser Roh­stof­fe oder der benö­tig­ten Anla­gen, Maschi­nen und Fahr­zeu­ge sowie auch der not­wen­di­gen Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gien und elek­tro­ni­schen Schalt­krei­se erzeu­gen neue Abhän­gig­kei­ten, die even­tu­ell neue Kriegs­ge­fah­ren befördern.

Kann es sein, dass die Dis­kus­si­on um erneu­er­ba­re Ener­gien nicht weit­sich­tig und stra­te­gisch genug ange­legt ist? Soll­ten wir über eine grö­ße­re Tech­no­lo­gie­brei­te sowie red­un­dan­te und resi­li­en­te Ener­gie­stra­te­gien nachdenken?

 

Von fossiler Abhängigkeit zu technologischer Resilienz

Die Ant­wort von ChatGPT lau­tet: Die­se Kri­tik trifft einen stra­te­gi­schen blin­den Fleck der Ener­gie­wen­de-Debat­te. Kem­ferts Satz ist in sei­ner Stoß­rich­tung rich­tig, aber er ist nicht voll­stän­dig. Fos­si­le Abhän­gig­kei­ten erzeu­gen geo­po­li­ti­sche Risi­ken. Aber ein schlecht kon­stru­ier­tes erneu­er­ba­res Ener­gie­sys­tem kann neue Abhän­gig­kei­ten erzeu­gen: von Roh­stof­fen, Lie­fer­ket­ten, Elek­tro­nik, Leis­tungs­halb­lei­tern, Bat­te­rie­ma­te­ria­li­en, Netz­in­fra­struk­tur, Soft­ware und geo­po­li­tisch kon­zen­trier­ten Produktionskapazitäten.

1. Kemfert hat recht — aber nur für die erste Ebene

Der Gedan­ke ist überzeugend:

Fos­si­le Ener­gie­trä­ger sind Brennstoffströme.
Wer sie dau­er­haft impor­tie­ren muss, bleibt dau­er­haft abhängig.

Das gilt für Erd­gas, Erd­öl und Koh­le beson­ders stark, weil sie kon­ti­nu­ier­lich nach­ge­lie­fert wer­den müs­sen. Fos­si­le Abhän­gig­keit ist des­halb nicht nur eine Inves­ti­ti­ons­ab­hän­gig­keit, son­dern eine lau­fen­de Versorgungsabhängigkeit.

Erneu­er­ba­re Ener­gien durch­bre­chen die­se Logik teil­wei­se: Son­ne, Wind, Was­ser und Bio­mas­se sind loka­le Ener­gie­an­ge­bo­te. Eine PV-Anla­ge auf dem Dach redu­ziert die Abhän­gig­keit des ein­zel­nen Haus­halts. Ein zel­lu­lä­res Ener­gie­sys­tem kann loka­le Auto­no­mie und regio­na­le Soli­da­ri­tät ver­bin­den. Das ist ein rea­ler zivi­li­sa­to­ri­scher Fortschritt.

Aber: Damit ist nur die Brenn­stoff­ab­hän­gig­keit redu­ziert. Nicht auto­ma­tisch die Technologieabhängigkeit.

2. Die Energiewende verschiebt Abhängigkeiten von Brennstoffen zu
industriellen Vorketten

Bei fos­si­len Ener­gien lau­tet die geo­po­li­ti­sche Frage:

Wer kon­trol­liert Öl, Gas, Koh­le und Transportwege?

Bei einem stark elek­tri­fi­zier­ten, erneu­er­ba­ren Ener­gie­sys­tem lau­tet sie zunehmend:

Wer kon­trol­liert Roh­stof­fe, Raf­fi­na­ti­on, Zell­che­mi­en, Magnete,
Wech­sel­rich­ter, Chips, Leis­tungs­elek­tro­nik, Soft­ware und
Produktionskapazitäten?

Die Inter­na­tio­na­le Ener­gie­agen­tur weist genau auf die­sen Punkt hin: Für Net­to-Null-Sze­na­ri­en stei­gen die Bedar­fe an Schlüs­sel­mi­ne­ra­li­en deut­lich; im NZE-Sze­na­rio bis 2040 etwa Kup­fer um rund 50 %, Nickel, Kobalt und Sel­te­ne Erden etwa auf das Dop­pel­te, Gra­phit auf das Vier­fa­che und Lithi­um sogar auf etwa das Acht­fa­che. [2]

Noch wich­ti­ger ist die Kon­zen­tra­ti­on der Ver­ar­bei­tung. Die IEA nennt für Chi­na hohe Raf­fi­na­ti­ons­an­tei­le: etwa 50–70 % bei Lithi­um und Kobalt und nahe­zu 90 % bei Sel­te­nen Erden; auch bei Nickel liegt ein erheb­li­cher Anteil dort. [3] Für sau­be­re Ener­gie­tech­no­lo­gien ist zudem die indus­tri­el­le Fer­ti­gung stark kon­zen­triert: Die IEA nennt rund 85 % der Solar-Lie­fer­ket­ten­ka­pa­zi­tät und rund 80 % der Lithi­um-Ionen-Bat­te­rie-Lie­fer­ket­ten­ka­pa­zi­tät in Chi­na; bei PV-Wafern und Anoden­ma­te­ria­li­en lie­gen die Antei­le noch höher. [4]

Das ist geo­po­li­tisch kein Neben­the­ma. Das ist der Über­gang von der Petro-Geo­po­li­tik zur Elektro-Material-Geopolitik.

3. Der Kernpunkt: Erneuerbare nutzen großflächige Energieflüsse niedriger Leistungsdichte

Dein phy­si­ka­li­scher Punkt ist zen­tral. Erneu­er­ba­re Ener­gien grei­fen über­wie­gend auf ver­dünn­te, groß­räu­mi­ge Ener­gie­flüs­se zu:

Ener­gie­form Phy­si­ka­li­scher Ursprung Cha­rak­ter
Solar­ener­gie Strah­lungs­fluss der Sonne flä­chen­ge­bun­den, tages- und wetterabhängig
Wind­ener­gie Druck- und Temperaturgradienten vola­til, groß­räu­mig verteilt
Was­ser­kraft Gra­vi­ta­ti­ons­po­ten­zi­al im
Wasserkreislauf
geo­gra­phisch stark gebunden
Bio­mas­se pho­to­syn­the­tisch gespeicherte
Solarenergie
sehr gerin­ge Flächeneffizienz
Gezei­ten Gra­vi­ta­ti­on Erde-Mond-Sonne lokal begrenzt

Zur Solar­kon­stan­te eine klei­ne Prä­zi­sie­rung: NASA nennt etwa 1361 W/m² außer­halb der Atmo­sphä­re senk­recht zur Ein­strah­lung; über die Kugel­ober­flä­che der Erde gemit­telt ergibt das rund 340 W/m² am Ober­rand der Atmo­sphä­re. [5] Der IPCC nennt für die glo­ba­le mitt­le­re abwärts gerich­te­te Solar­strah­lung an der Erd­ober­flä­che etwa 185 W/m². [6] Dei­ne Grö­ßen­ord­nung von 342 MW/km² beschreibt also sehr gut den glo­bal gemit­tel­ten sola­ren Ein­gangs­fluss am Ober­rand der Atmo­sphä­re; tech­nisch nutz­bar am Boden ist im Mit­tel weni­ger, und nach Wir­kungs­grad, Speicher‑, Umwand­lungs- und Netz­ver­lus­ten noch­mals weniger.

Das bedeu­tet nicht, dass Erneu­er­ba­re „schwach“ sind. Es bedeu­tet: Sie sind raum­grei­fend, mate­ri­al­grei­fend und sys­te­misch komplex.

4. Kernenergie ist nicht automatisch die Lösung — aber sie löst ein anderes
Problem

Kern­ener­gie hat einen fun­da­men­ta­len Vor­teil: extre­me Ener­gie­dich­te. Sie ersetzt nicht die Vor­tei­le dezen­tra­ler Erneu­er­ba­rer, aber sie adres­siert ein Pro­blem, das Erneu­er­ba­re nur mit gro­ßem Sys­tem­auf­wand lösen: dau­er­haf­te, wet­ter­un­ab­hän­gi­ge, flä­chen­ar­me Hochleistungsenergie.

Die World Nuclear Asso­cia­ti­on nennt aktu­ell etwa 9 % Anteil der Kern­ener­gie an der welt­wei­ten Strom­erzeu­gung, erzeugt durch rund 440 Reak­to­ren mit etwa 400 GWe Leis­tung; wei­te­re Reak­to­ren befin­den sich im Bau oder in Pla­nung. [7] Das zeigt: Kern­ener­gie ist kei­ne Rand­tech­no­lo­gie, aber auch kein glo­bal domi­nie­ren­des Sys­tem. Stra­te­gisch inter­es­sant wird sie dort, wo indus­tri­el­le Pro­zess­ener­gie, Grund­last­fä­hig­keit, syn­the­ti­sche Kraft­stof­fe, Was­ser­stoff­pro­duk­ti­on, Meer­was­ser­ent­sal­zung oder Raum­fahrt-/Welt­raum­am­bi­tio­nen rele­vant werden.

Mei­ne kla­re Mei­nung: Für eine wach­sen­de, tech­no­lo­gisch anspruchs­vol­le Mensch­heit ist ein aus­schließ­lich erneu­er­ba­res Ener­gie­sys­tem stra­te­gisch zu schmal gedacht. Nicht weil Erneu­er­ba­re falsch wären, son­dern weil eine Hoch­zi­vi­li­sa­ti­on Red­un­danz braucht.

5. Die eigentliche Leitfrage lautet: Welche Abhängigkeiten sind
akzeptabel?

Man soll­te nicht naiv sagen:

Fos­sil abhän­gig = schlecht.
Erneu­er­bar = unabhängig.

Kor­rekt wäre:

Jedes Ener­gie­sys­tem hat Abhän­gig­kei­ten. Ent­schei­dend ist, ob diese
Abhän­gig­kei­ten diver­si­fi­zier­bar, lager­bar, sub­sti­tu­ier­bar, recycelbar
und poli­tisch beherrsch­bar sind.

Hier liegt der Unterschied:

Sys­tem Haupt­ab­hän­gig­keit Stra­te­gi­sches Risiko
Fos­sil lau­fen­de Brennstoffimporte per­ma­nen­te geo­po­li­ti­sche Erpressbarkeit
Erneu­er­bar-elek­trisch Roh­stof­fe, Tech­nik, Net­ze, Spei­cher, Elektronik Lie­fer­ket­ten- und Industrieabhängigkeit
Kern­ener­gie Uran/Thorium, Brenn­stoff­kreis­lauf, Regu­lie­rung, Know-how hohe insti­tu­tio­nel­le und sicher­heits­tech­ni­sche Anforderungen
Biomasse/E‑Fuels Flä­che, Was­ser, Koh­len­stoff­quel­len, Prozessenergie Kon­kur­renz zu Nahrung/Natur/Industrie
Fusi­on, Weltraumenergie Hoch­tech­no­lo­gie, Kapi­tal, Mate­ri­al, Zeit der­zeit noch Entwicklungsrisiko

Die EU hat die­ses Pro­blem erkannt. Der Cri­ti­cal Raw Mate­ri­als Act setzt für 2030 Ziel­mar­ken: 10 % des EU-Bedarfs aus eige­ner Gewin­nung, 40 % aus Ver­ar­bei­tung in der EU und 25 % aus Recy­cling. [8] Gleich­zei­tig zei­gen aktu­el­le Berich­te, dass die EU bei Diver­si­fi­zie­rung und Recy­cling noch weit hin­ter den stra­te­gi­schen Zie­len liegt. [9]

6. Friedenspolitik heißt nicht nur „weg von Fossilen“, sondern „weg von
Monostrukturen“

Hier wür­de ich Kem­ferts Satz erweitern:

Fos­si­le Abhän­gig­kei­ten schaf­fen kei­ne Sicherheit.
Aber tech­no­lo­gi­sche Mono­kul­tu­ren schaf­fen eben­falls keine
Sicherheit.

Eine robus­te Frie­dens- und Sicher­heits­stra­te­gie müss­te des­halb vier Din­ge verbinden:

Dezentrale Erneuerbare für Autonomie

PV, Wind, Spei­cher, Wär­me­pum­pen, Geo­ther­mie, Bio­gas, Abwär­me und loka­le Net­ze redu­zie­ren Ver­wund­bar­keit. Beson­ders im zel­lu­lä­ren Ener­gie­sys­tem ent­ste­hen robus­te Inselstrukturen.

Kernenergie für energiedichte, wetterunabhängige Leistung

Nicht als Ersatz für Erneu­er­ba­re, son­dern als zwei­te tra­gen­de Säu­le für Indus­trie, Grund­last, Pro­zess­wär­me, Was­ser­stoff, syn­the­ti­sche Kraft­stof­fe und groß­ska­li­ge Resilienz.

Kreislaufwirtschaft und Rohstoffsouveränität

Recy­cling, Sub­sti­tu­ti­on, mate­ri­al­ar­me Designs, Natri­um-Ionen-Bat­te­rien, LFP-Che­mi­en, eisen­ba­sier­te Spei­cher, euro­päi­sche Raf­fi­na­ti­on, stra­te­gi­sche Lager­hal­tung und tech­no­lo­gi­sche Stan­dar­di­sie­rung gehö­ren ins Zentrum.

Systemische Redundanz

Ein wirk­lich resis­ten­tes Ener­gie­sys­tem braucht meh­re­re tech­nisch unab­hän­gi­ge Pfa­de: Strom, Wär­me, che­mi­sche Ener­gie­trä­ger, Spei­cher, Kern­wär­me, indus­tri­el­le Abwär­me, Net­ze, Insel­be­trieb, Reser­ve­ka­pa­zi­tä­ten und Cyberresilienz.

7. Der Weltraum-Aspekt verändert die Perspektive fundamental

Wenn die Mensch­heit „in den Welt­raum hin­aus­treibt“, reicht eine irdisch-roman­ti­sche Ener­gie­wen­de-Erzäh­lung nicht mehr aus.

Für Raum­fahrt, Mond­ba­sen, Mars­sta­tio­nen, Aste­ro­iden­berg­bau, gro­ße Raum­sta­tio­nen oder indus­tri­el­le Pro­zes­se außer­halb der Erde braucht man:

  • Solar­ener­gie, wo sie sinn­voll ist,
  • Kern­spal­tung für lan­ge Schat­ten­pha­sen, äuße­re Pla­ne­ten, hohe Leis­tungs­dich­te und kon­ti­nu­ier­li­che Versorgung,
  • spä­ter viel­leicht Fusion,
  • geschlos­se­ne Stoffkreisläufe,
  • extrem zuver­läs­si­ge Energiespeicher,
  • auto­no­me Repa­ra­tur- und Fertigungssysteme.

Im Welt­raum wird Ener­gie­po­li­tik wie­der sehr phy­si­ka­lisch. Dort zählt nicht das Nar­ra­tiv, son­dern Leis­tungs­dich­te, Mas­se, Zuver­läs­sig­keit, Wart­bar­keit und Systemautonomie.

 

Mein Fazit

Ja: Die heu­ti­ge Dis­kus­si­on ist oft nicht weit­sich­tig genug.

Sie denkt häu­fig in mora­li­schen Gegensätzen:

fos­sil schlecht, erneu­er­bar gut.

Stra­te­gisch ange­mes­se­ner wäre:

fos­sil redu­zie­ren, erneu­er­bar maxi­mie­ren, Kern­ener­gie neu bewerten,
Roh­stoff­ab­hän­gig­kei­ten mini­mie­ren, Lie­fer­ket­ten diver­si­fi­zie­ren, Systeme
red­un­dant auslegen.

Kem­ferts Satz zu Ener­gie und Frie­dens­po­li­tik bleibt rich­tig, aber er müss­te ergänzt werden:

Die Ener­gie­wen­de ist Frie­dens­po­li­tik — aber nur dann, wenn sie nicht
neue stra­te­gi­sche Abhän­gig­kei­ten, indus­tri­el­le Mono­kul­tu­ren und fragile
Lie­fer­ket­ten erzeugt.

Mei­ne kla­re Posi­ti­on wäre daher:

Eine zukunfts­fä­hi­ge Ener­gie­ord­nung braucht dezen­tra­le und Auto­no­mie bie­ten­de erneu­er­ba­re Ener­gien, Kern­ener­gie als ener­gie­dich­te und grund­last­fä­hi­ge Basis der Indus­trie und Raum­fahrt, Spei­cher und Net­ze als Inte­gra­ti­ons­schicht sowie Roh­stoff­kreis­läu­fe und Tech­no­lo­gie­of­fen­heit als stra­te­gi­sche Prinzip.

Oder zuge­spitzt:

Nicht die ein­zel­ne „rich­ti­ge“ Ener­gie­quel­le schafft Frie­den, son­dern ein Ener­gie­sys­tem, das nicht erpress­bar ist.

 

Quellenverzeichnis

 

[1] SOLARZEITALTER. Poli­tik, Kul­tur und Öko­no­mie Erneu­er­ba­rer Ener­gien. Clau­dia Kem­fert, „Ener­gie­wen­de als Frie­dens­fra­ge“, S. 13. 04.06.2026

[2] Inter­na­tio­nal Ener­gy Agen­cy (IEA): „Out­look for key mine­rals – Glo­bal Cri­ti­cal Mine­rals Out­look 2024“. URL: https://www.iea.org/reports/global-critical-minerals-outlook-2024/outlook-for-key-minerals

[3] Inter­na­tio­nal Ener­gy Agen­cy (IEA): „The Role of Cri­ti­cal Mine­rals in Clean Ener­gy Tran­si­ti­ons – Exe­cu­ti­ve sum­ma­ry“. Aus­sa­ge: Chi­nas Raf­fi­na­ti­ons­an­tei­le etwa 35 % bei Nickel, 50–70 % bei Lithi­um und Kobalt sowie nahe­zu 90 % bei Sel­te­nen Erden. URL:
https://www.iea.org/reports/the-role-of-critical-minerals-in-clean-energy-transitions/executive-summary

[4] Inter­na­tio­nal Ener­gy Agen­cy (IEA): „Ener­gy Tech­no­lo­gy Per­spec­ti­ves 2026 – Sup­p­ly chain risks and indus­tri­al com­pe­ti­ti­ve­ness“. Aus­sa­ge: Chi­na steht für rund 85 % der Solar- und 80 % der Lithi­um-Ionen-Bat­te­rie-Lie­fer­ket­ten-Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tät; höhe­re Antei­le bei PV-Wafern und Anoden­ma­te­ria­li­en. URL: https://www.iea.org/reports/energy-technology-perspectives-2026/supply-chain-risks-and-industrial-competitiveness

[5] NASA God­dard Earth Sci­en­ces Divi­si­on: „Solar Irra­di­ance Sci­ence“. Aus­sa­ge: Total Solar Irradiance/Solarkonstante ca. 1361 W/m²; glo­bal gemit­telt rund 340 W/m². URL: https://earth.gsfc.nasa.gov/climate/projects/solar-irradiance/science

[6] IPCC: Sixth Assess­ment Report, Working Group I, Chap­ter 7: „The Earth’s Ener­gy Bud­get, Cli­ma­te Feed­backs and Cli­ma­te Sensitivity“.
Aus­sa­ge: glo­ba­le mitt­le­re abwärts gerich­te­te Solar­strah­lung an der Erd­ober­flä­che etwa 185 W/m². URL: https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/chapter/chapter‑7/

[7] World Nuclear Asso­cia­ti­on: „Nuclear Power in the World Today“. Aus­sa­ge: Kern­ener­gie lie­fert rund 9 % der welt­wei­ten Strom­erzeu­gung aus etwa 440 Reak­to­ren; außer­dem über 20 % des koh­len­stoff­ar­men Stroms. URL:
https://world-nuclear.org/information-library/current-and-future-generation/nuclear-power-in-the-world-today

[8] Euro­pean Com­mis­si­on: „Cri­ti­cal Raw Mate­ri­als Act“. Aus­sa­ge: 2030-Bench­marks: min­des­tens 10 % EU-Ver­brauch aus Gewin­nung, 40 % aus Ver­ar­bei­tung, 25 % aus Recy­cling, maxi­mal 65 % aus einem ein­zel­nen Dritt­land. URL: https://single-market-economy.ec.europa.eu/sectors/raw-materials/areas-specific-interest/critical-raw-materials/critical-raw-materials-act_en

[9] Reu­ters: „EU efforts to diver­si­fy cri­ti­cal raw mate­ri­al imports fail so far, audi­tors say“, 2. Febru­ar 2026. Aus­sa­ge: Laut Euro­päi­schem Rech­nungs­hof haben EU-Bemü­hun­gen zur Diver­si­fi­zie­rung kri­ti­scher Roh­stoff­im­por­te bis­lang kei­ne greif­ba­ren Ergeb­nis­se erbracht. URL:
https://www.reuters.com/sustainability/climate-energy/eu-efforts-diversify-critical-raw-material-imports-fail-so-far-auditors-say-2026–02-02/

[10] Fatih Birol, Exe­cu­ti­ve Direc­tor der Inter­na­tio­na­len Ener­gie­agen­tur, zitiert u. a. in: Nucle­ar­Eu­ro­pe, „Net Zero Needs Nuclear“, 14.05.2021. URL: https://www.nucleareurope.eu/press-release/net-zero-needs-nuclear/

 

Ener­gie und Frie­dens­po­li­tik: Lei­men / Hei­del­berg — 06.06.2026

Andre­as Kieß­ling, ener­gy design

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