Energiefreiheit

Von der Ratlosigkeit zur Energiefreiheit

Energiefreiheit
Energiefreiheit; Bild copyright by Adobe Stock No. 407808024

Energiefreiheit

Kritik an der Energiewende beim Tichys Einblick-Expertenforum in Dresden

Es schmerzt, wenn man der Ener­gie­wen­de sein beruf­li­ches Leben wid­me­te. Aber zum erfolg­rei­chen Weg in eine gemein­sam akzep­tier­te Ener­gie­zu­kunft und Ener­gie­frei­heit gehört auch die Bereit­schaft ande­ren Argu­men­ten zuzu­hö­ren und sich den Feh­lern der Ver­gan­gen­heit zu stellen.

Das bis­he­ri­ge Kon­zept der Ener­gie­wen­de basier­te auf einer schma­len Brü­cke, um die schwan­ken­de Strom­erzeu­gung durch Wind und Son­ne mit­tels Fle­xi­bi­li­tät des preis­güns­ti­gen Gases aus Russ­land aus­zu­glei­chen. Alle Stu­di­en für unse­re Ener­gie­zu­kunft set­zen auf die Ver­füg­bar­keit von Erd­gas als Brü­cken­tech­no­lo­gie in unter­schied­li­chem Aus­maß und über unter­schied­lich lan­ge Zeit. Aber die Brü­cke trägt nicht mehr oder wird mit LNG aus den USA oder in 5 Jah­ren even­tu­ell aus Katar für die Wett­be­werbs­fä­hig­keit der deut­schen Wirt­schaft unbe­zahl­bar. Das heißt letzt­end­lich; die Ener­gie­wen­de ist mit die­sem Kon­zept gescheitert.

Somit stellt sich die Fra­ge, wie sieht der neue Mas­ter­plan für unse­re Ener­gie­zu­kunft aus. Die­se Ener­gie­zu­kunft muss Abhän­gig­kei­ten abbau­en, um Ener­gie­frei­heit im eige­nen Haus, im Unter­neh­men, in Dorf und Stadt sowie im Land zu errei­chen. Ein wirk­lich zel­lu­lä­res Ener­gie­sys­tem setzt nicht vor­ran­gig auf Abhän­gig­kei­ten. Es gilt Auto­no­mie auf ver­schie­de­nen Ebe­nen der Arbeit- und Lebens­wel­ten zu schaffen.

Von der Ratlosigkeit zur Energiefreiheit

Seit 15 Jah­ren betrach­te ich es als mei­ne Auf­ga­be, Ener­gie­tech­no­lo­gie, Ener­gie­wirt­schaft, Ener­gie­po­li­tik sowie auto­no­me Ener­gie­kon­zep­te für Gebäu­de und Land­schaf­ten zu gestal­ten. Seit 10 Jah­ren glaub­te ich, einen ver­nünf­ti­gen Lösungs­weg für Deutsch­land zu ken­nen. Die­ser Lösungs­weg basier­te auf den Mög­lich­kei­ten und Chan­cen dezen­tra­ler Lösun­gen für alle Men­schen, für klei­ne und mitt­le­re Unter­neh­men sowie für Kom­mu­nen. Viel­fäl­ti­ge Betei­li­gung, auto­no­me Gestal­tung und zel­lu­lä­re Ver­bun­den­heit statt zen­tra­ler Anfor­de­run­gen, Büro­kra­tie und Regu­lie­rung hieß das Zau­ber­wort. Der Ansatz war von der Erkennt­nis geprägt, dass eine zen­tral ver­ord­ne­te und ideo­lo­gisch gepräg­te Ener­gie­wen­de kei­ne Akzep­tanz fin­det. Eine ech­te Ener­gie­wen­de zeich­net sich durch Tech­no­lo­gie­of­fen­heit und Inno­va­tio­nen, durch Viel­falt und Betei­li­gung sowie Nut­zen für Alle aus. Letzt­end­lich beschreibt die­ser Ansatz weni­ger eine Ener­gie­wen­de, son­dern ein Kon­zept für Ener­gie­frei­heit.

Aber nun erle­be ich von Medi­en und der Poli­tik, eine Orgie ober­leh­rer­haf­ter Rat­schlä­ge des Ver­zich­tes. Rat­schlä­ge umfas­sen das Anzie­hen von Pull­overn in der Woh­nung gegen das Frie­ren, das sel­te­ne­re, kür­ze­re und käl­te­re Duschen, oder den Dusch­ver­zicht bei Benut­zung eines Wasch­lap­pens für die not­wen­digs­ten Kör­per­re­gio­nen am Wasch­be­cken, aber auch den Ver­zicht auf Weih­nachts­bäu­me. Die Frank­fur­ter Rund­schau geht sogar so weit, das Uri­nie­ren in der Dusche als Was­ser­spar­mit­tel zu emp­feh­len. Es stellt sich dann aber die Fra­ge, wie dies ohne Duschen funktioniert.

Dies sind die klei­nen Ärger­nis­se. Gleich­zei­tig beschleicht mich aber auch das Gefühl, dass der gesam­te bis­he­ri­ge Mas­ter­plan für die Ener­gie­zu­kunft aktu­ell schei­tert. Der Plan basier­te vor­ran­gig auf Solar- und Wind­ener­gie sowie, da die Son­ne nicht immer scheint und der Wind nicht immer weht, auf der Fle­xi­bi­li­tät des Gas­sys­tems. Fle­xi­bi­li­tät war das Kern­kon­zept des bis­he­ri­gen Masterplans.

Aus­rei­chen­de Fle­xi­bi­li­tät ent­steht nur durch die Kopp­lung der Sek­to­ren Strom, Wär­me und Gas. Gas wur­de als Brü­cke in die Ener­gie­zu­kunft bezeich­net, bis in 10 bis 20 Jah­ren durch Was­ser­stoff die­se Brü­cke erneu­er­bar gebaut wer­den kann. Aber, wie schon zu Beginn gesagt, die­se Brü­cke trägt nicht mehr. Der Ver­zicht auf rus­si­sches Gas bedeu­tet Gas­lie­fe­run­gen als Flüs­sig­gas (LNG) mit mehr­fa­chem Preis aus den USA. Hin­zu kommt, dass die­se Quel­len die höchs­ten Vor­ket­ten-Emis­sio­nen besit­zen. Die USA ist aktu­ell der ein­zi­ge Nutz­nie­ßer der Kri­se. Ande­re Län­der wer­den erst in Jah­ren neue Fel­der erschlos­sen haben und dann eben­so Flüs­sig­gas mit viel höhe­ren Prei­sen liefern.

Dies bringt die Gefahr der Deindus­tria­li­sie­rung Deutsch­lands mit sich. Even­tu­ell ist dies der Plan, um Wachs­tum zu been­den. Es gibt Stim­men, die in der Umkehr des Wachs­tums die Lösung sehen, anstatt mit Tech­no­lo­gie­of­fen­heit und Inno­va­tio­nen die Mög­lich­kei­ten des nach­hal­ti­gen Wachs­tums zu suchen. Dies war aber nie mein Weg der 15-jäh­ri­gen Betei­li­gung an der Ener­gie­wen­de. Die­ser Weg war von Chan­cen, vom nach­hal­ti­gen Wachs­tum, von Betei­li­gung und der Demo­kra­ti­sie­rung des Ener­gie­sys­tems, also von der Ener­gie­frei­heit, geprägt.

Die Gas­brü­cke ist ver­lo­ren, wur­de im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes gesprengt. Der bis­he­ri­ge Mas­ter­plan der Ener­gie­zu­kunft mit umfas­sen­der Fle­xi­bi­li­tät im Ener­gie­sys­tem trägt nicht mehr. Die Poli­tik nimmt mit Ver­zichts­pre­dig­ten die Men­schen nicht mit. Drin­gend wird ein neu­er Mas­ter­plan benö­tigt, wie unse­re Ener­gie­zu­kunft aus­se­hen soll. Die aktu­el­le Sprach­lo­sig­keit bezüg­lich neu­er Wege, der ideo­lo­gi­sche Fun­da­men­ta­lis­mus, alte Wege bei­zu­be­hal­ten, hilft uns nicht wei­ter. Ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung nimmt dies als Inkom­pe­tenz war. Selbst der so hoff­nungs­vol­le Begriff Ener­giewen­de aus dem Jah­re 2012 ist inzwi­schen nega­tiv besetzt. Even­tu­ell kann ein neu­er Begriff, zum Bei­spiel Ener­gie­frei­heit, zu neu­er Moti­va­ti­on füh­ren. Dies erfor­dert aber zwin­gend ech­te Betei­li­gung, Lösungs­of­fen­heit, Abkehr von Ideo­lo­gie sowie die Reak­ti­vie­rung deut­scher Innovationskraft.

Nach einem Jahr­zehnt der Über­zeu­gung die rich­ti­gen Wege zu ken­nen, macht sich auch bei mir per­sön­lich Rat­lo­sig­keit breit. Wir müs­sen drin­gend reden und offen sein, für die unter­schied­lichs­ten Sich­ten auf das Ener­gie­sys­tem der Zukunft, um den größ­ten gemein­sa­men Nen­ner, statt den kleins­ten gemein­sa­men Nen­ner zu fin­den. 

Per­sön­li­che Sich­ten auf die Dis­kus­si­ons­kul­tur sowie auf soge­nann­te abso­lu­te Wahr­hei­ten aus der Sicht des Phy­si­kers, der alle Welt­sich­ten als rela­tiv betrach­tet, sind in den über nach­fol­gen­de Links erreich­ba­ren Arti­kel zusammengefasst.

https://energieorganismus.de/politikeinblicke/

https://www.linkedin.com/pulse/politisches-outing-andreas-kiessling

#ener­gy­de­sign #per­spek­tiv­wech­sel 

Lei­men / Hei­del­berg — 13. Okto­ber 2022

Andre­as Kieß­ling, ener­gy design

Über Andreas Kießling 96 Artikel
Andreas Kießling hat in Dresden Physik studiert und lebt im Raum Heidelberg. Er beteiligt sich als Freiberufler und Autor an der Gestaltung nachhaltiger Lebensräume und zugehöriger Energiekreisläufe. Dies betrifft Themen zu erneuerbaren und dezentral organisierten Energien. Veröffentlichungen als auch die Aktivitäten zur Beratung, zum Projektmanagement und zur Lehre dienen der Gestaltung von Energietechnologie, Energiepolitik und Energieökonomie mit regionalen und lokalen Chancen der Raumentwicklung in einer globalisierten Welt.

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