Kernkraftwerk mit Druckwasserreaktor; Leichtwasserreaktoren der Generation II

Leichtwasserreaktoren der Generation II

Leichtwasserreaktoren der Generation II

Erfolgreich und gleichzeitig risikoreich

Leicht­was­ser­re­ak­to­ren der Gene­ra­ti­on II mit Sie­de­was­ser oder Was­ser unter Druck setz­ten sich in Kern­kraft­wer­ken des 20. Jahr­hun­derts durch. Gra­phit-mode­rier­te Reak­to­ren wie in Tscher­no­byl blie­ben die Aus­nah­me. Aber auch Leicht­was­ser­re­ak­to­ren beinhal­ten grund­le­gen­de Risi­ken. Sie resul­tie­ren aus mili­tä­ri­schen Inter­es­sen an Reak­tor­funk­tio­nen. Die vom Erfin­der des Druck­was­ser­re­ak­tors Alvin Wein­berg inten­siv geäu­ßer­ten Beden­ken bezüg­lich des­sen Sicher­heit wur­den von Poli­tik und Indus­trie igno­riert.  Dies trifft auch für den schnel­len Brü­ter zu, der aber zugleich auf Basis neu­er Kon­zep­te für Reak­to­ren der Gene­ra­ti­on IV eine Brü­cke in die Zukunft der Kern­ener­gie bil­den kann. 

Man soll­te immer etwas Leicht­sinn haben, wenn man etwas Gro­ßes voll­brin­gen will.“  Oscar Wilde

Aber Oscar Wil­de wuss­te noch nichts von der Kern­spal­tung.  Der Autor 

Inhaltsverzeichnis

  1. Die Ener­gie der Atomkerne
  2. Ener­gie­po­ten­zia­le der Kernspaltung
  3. Rezep­tur der gesteu­er­ten Kern­spal­tung oder „Der Mann mit der Axt”
  4. Tech­no­lo­gie­su­che zur Ener­gie­ge­win­nung mit Kern­spal­tung in der Gene­ra­ti­on I
  5. Leicht­was­ser­re­ak­to­ren der Gene­ra­ti­on II
  6. Har­ris­burg — Tscher­no­byl — Fukushima
  7. Neue Sicher­heits­kon­zep­te und die Gene­ra­ti­on III
  8. Kern­kraft­wer­ke neu gedacht und die Gene­ra­ti­on IV
  9. Die Ener­gie der Son­ne durch Kern­fu­si­on und auf­kom­men­de Technologien

Leichtsinn bei der Reaktorentwicklung

Als Erfin­der des Druck­was­ser­re­ak­tors wur­de Alvin Wein­berg nie müde, auf die Risi­ken die­ser Reak­to­ren zu ver­wei­sen. Um Alter­na­ti­ven anzu­bie­ten, forsch­te er mit sei­nem Team schon früh­zei­tig an Flüs­sig­s­alz­re­ak­to­ren.  Aber er konn­te sich kein Gehör ver­schaf­fen und ver­lor schließ­lich als Mah­ner sei­nen Job. 

Das Inter­es­se der Geld­ge­ber in den USA rich­te­te sich auf Reak­tor­ty­pen, die einer­seits Plu­to­ni­um für Kern­waf­fen erzeu­gen konn­ten und ande­rer­seits in U‑Booten ein­setz­bar waren. Die japa­ni­sche und euro­päi­sche Reak­tor­for­schung war von For­schungs­an­sät­zen in den USA abhän­gig. Chi­ne­si­sche Ent­wick­lun­gen zu Flüs­sig­s­alz­re­ak­to­ren stie­ßen auf erheb­li­che Mate­ri­al­pro­ble­me. Die Tra­gik bestand dar­in, dass die­ses Pro­blem von For­scher­grup­pen in den USA längst gelöst war. Aber die Ergeb­nis­se wur­den durch die Bevor­zu­gung des Druck­was­ser­re­ak­tors nicht ver­folgt. West­li­che und chi­ne­si­sche For­scher stan­den zu die­ser Zeit lei­der nicht im Austausch.

Somit ver­blie­ben nur drei Ent­wick­lungs­li­ni­en rund um den Leicht­was­ser­re­ak­tor. Dies betrifft den Sie­de­was­ser­re­ak­tor, den Druck­was­ser­re­ak­tor sowie den Schnel­len Brü­ter. Der Erfolg war dem Druck­was­ser­re­ak­tor beschie­den. Alvin Wein­berg ver­such­te die Ent­schei­der davon zu über­zeu­gen, dass damit Kata­stro­phen in den nächs­ten Jahr­zehn­ten unver­meid­bar sind. Aber sei­ne War­nun­gen ver­hall­ten. Es kam, wie es kom­men muss­te. 

Der ers­te Zwi­schen­fall ereig­ne­te sich im Jahr 1979 in Three Mile Island in den USA in der Nähe von Har­ris­burg. Der Scha­den war noch auf das Reak­tor­ge­bäu­de begrenzt. Dann folg­te 1986 die Kata­stro­phe in Tscher­no­byl, in der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on auf dem Gebiet der heu­ti­gen Ukrai­ne. Jetzt war ganz Euro­pa von den Aus­wir­kun­gen betrof­fen, da das Dach des Reak­tor­ge­bäu­des bei der Explo­si­on weg­ge­sprengt wur­de. Schließ­lich ent­zo­gen sich 2011 in Fuku­shi­ma sechs Reak­to­ren nach einem star­ken Erd­be­ben und einem Tsu­na­mi der Kon­trol­le. Das Ver­sa­gen der Küh­lung ver­ur­sach­te in vier von sechs Reak­to­ren die Kern­schmel­ze und damit Reak­tor­ex­plo­sio­nen. 

Wir wer­den die­se Ereig­nis­se ver­tie­fen. Da aber ins­be­son­de­re Sie­de­was­ser- und Druck­was­ser­re­ak­to­ren von den bis­he­ri­gen Kata­stro­phen in Kern­kraft­wer­ken betrof­fen waren, betrach­ten wir die­se Typen etwas genauer.

Reaktoren der Generation II

Die Suche nach den optimalen Zutaten

Zu Beginn der Reak­tor­ent­wick­lung war die Eigen­schaft von Was­ser zur Abbrem­sung schnel­ler Neu­tro­nen noch nicht bekannt. Des­halb ver­folg­ten ers­te Reak­tor­kon­zep­te den Ein­satz von Gra­phit als Mode­ra­tor und erst spä­ter die Nut­zung von Was­ser. Die­se führ­te zu ver­schie­de­nen Reak­tor­re­zep­ten mit fol­gen­der Zutatenliste:

  1. Brenn­stof­fe: fes­ter Brenn­stoff mit ange­rei­cher­tem Uran-235; aber auch natür­li­che Uran-238/235-Gemi­sche
  2. Neu­tro­nen­quel­le zur Initi­ie­rung der Ket­ten­re­ak­ti­on: Neu­tro­nen­strah­ler wie zum Bei­spiel Americium-241
  3. Neu­tro­nen­ab­sor­ber zum Ein­fan­gen von Neu­tro­nen zwecks Regu­lie­rung oder Unter­bin­dung der Ket­ten­re­ak­ti­on: Bor­säu­re als Zusatz im Was­ser sowie Bor­car­bid oder Cad­mi­um in Steuerstäben
  4. Mode­ra­to­ren zur Ver­rin­ge­rung der Neu­tro­nen­ge­schwin­dig­keit von schnel­len zu ther­mi­schen Neu­tro­nen: Gra­phit oder Wasser
  5. Wär­me­trans­port und Küh­lung: Kreis­lauf mit Was­ser oder Kohlendioxid
  6. Sicher­heits­kon­zep­te und Abfall­be­hand­lung: Not­strom­ag­gre­ga­te zur Auf­recht­erhal­tung der Kühl­kreis­läu­fe sowie Abkling­be­cken für aus­ge­brann­te Brenn­stä­be und Zwischenlager

Bezüg­lich des Brenn­stof­fes gab es ein Pro­blem. In der Natur kommt Uran vor­ran­gig als Uran-238 vor. Zur Spal­tung ist das Uran-235-Iso­top bes­ser geeig­net, da es eine höhe­re Wahr­schein­lich­keit zum Ein­fang von ther­mi­schen, also lang­sa­men Neu­tro­nen bie­tet. Es wer­den somit weni­ger ther­mi­sche Neu­tro­nen benö­tigt, um mit hoher Wahr­schein­lich­keit den Kern eines Uran-Atoms zu spal­ten. Bei der Nut­zung von Uran-238 sinkt die Wahr­schein­lich­keit zum Ein­fang eines Neu­trons. 

Was­ser dient als Mode­ra­tor und stellt die ther­mi­schen Neu­tro­nen bereit. Was­ser ist aber nicht gleich Was­ser. Die che­mi­sche For­mel lau­tet H2O. Zwei Was­ser­stoff­ato­me ver­bin­den sich mit einem Sau­er­stoff­atom zu einem Was­ser­mo­le­kül. Das in der Natur vor­kom­men­de Was­ser ist vor­ran­gig leich­tes Was­ser. Es besteht aus Was­ser­stoff­ato­men mit nur einem Pro­ton im Atom­kern. Schwe­res Was­ser wie­der­um besteht aus Was­ser­stoff­ato­men mit einem Pro­ton und einem Neu­tron im Kern. Die­se Was­ser­stoff­ato­me sind unter dem Begriff Deu­te­ri­um bekannt. Der Haupt­vor­teil schwe­ren Was­sers besteht dar­in, dass es eine höhe­re Wahr­schein­lich­keit zur Erzeu­gung ther­mi­scher Neu­tro­nen besitzt als nor­ma­les Was­ser. Damit kann der Nach­teil von Uran-238, die ther­mi­schen Neu­tro­nen für die Kern­spal­tung schlech­ter zu nut­zen durch die höhe­re Wahr­schein­lich­keit des schwe­ren Was­sers, ther­mi­sche Neu­tro­nen bereit­zu­stel­len, aus­ge­gli­chen werden.

Ins­be­son­de­re die Anstren­gun­gen Deutsch­lands im zwei­ten Welt­krieg zur Her­stel­lung der Atom­bom­be schei­ter­ten dar­an, dass für den Ein­satz von Uran-238 nicht das not­wen­di­ge schwe­re Was­ser in aus­rei­chen­der Men­ge gewon­nen wer­den konn­te. Durch Fort­schrit­te bei der Ent­wick­lung von Zen­tri­fu­gen zur Erhö­hung des Anteils von Uran-235 im Brenn­stoff konn­te aber auf schwe­res Was­ser zuguns­ten der Leicht­was­ser­re­ak­to­ren ver­zich­tet werden.

Somit funk­tio­nier­ten ers­te Reak­tor­ty­pen wie in Tscher­no­byl mit Uran-235 und Gra­phit als Mode­ra­tor sowie mit Was­ser in geson­der­ten Röh­ren zur Auf­nah­me der Wär­me­en­er­gie und zur Küh­lung. Eine ande­re Ent­wick­lungs­li­nie zur Gene­ra­ti­on II ver­folg­te den Weg der Schwer­was­ser­re­ak­to­ren mit weni­ger Auf­wand zur Anrei­che­rung von Uran-235. Letzt­end­lich setz­ten sich aber die Leicht­was­ser­re­ak­to­ren wie in Fuku­shi­ma mit ange­rei­cher­tem Uran-235 durch.

Graphit-moderierte Reaktoren

Was­ser-mode­rier­te Reak­to­ren schlie­ßen das Brand­ri­si­ko von Gra­phit-mode­rier­ten Reak­to­ren aus. Somit gehö­ren Reak­to­ren mit Gra­phit heu­te zu den Exo­ten. Sie wur­den haupt­säch­lich in den 1950-er und 1960-er Jah­ren ent­wi­ckelt, aber ihre Zahl nahm seit­dem stark ab.

Der bekann­tes­te Ver­tre­ter die­ser Klas­se ist der in Tscher­no­byl ein­ge­setz­te RBMK-Reak­tor. In Russ­land betrei­ben nur noch die Kern­kraft­wer­ke Lenin­grad und Kursk die­sen Typ. Alle ande­ren RBMK-Reak­to­ren wur­den ent­we­der still­ge­legt oder moder­ni­siert. Auch die wei­te­ren RMBK-Reak­to­ren in Tscher­no­byl in der heu­ti­gen Ukrai­ne wur­den in den Jah­ren 1991 bis 2000 still­ge­legt sowie der Wei­ter­bau neu­er Kraft­werks­blö­cke ein­ge­stellt. Zusätz­lich gibt es eini­ge Reak­to­ren ande­rer Bau­art, die Gra­phit als Mode­ra­tor ver­wen­den, ins­be­son­de­re in Groß­bri­tan­ni­en. Dies betrifft den Magnox-Reak­tor, der Gra­phit als Mode­ra­tor und Koh­len­di­oxid als Kühl­mit­tel ver­wen­det. 

Die Bau­wei­se des Reak­tors vom Typ RBMK-1000, der auf­grund der Kata­stro­phe im Jahr 1986 trau­ri­ge Berühmt­heit erlang­te, wird anhand nach­fol­gen­der Dar­stel­lung erläutert.

Die Uran-Brenn­stä­be befin­den sich in Druck­röh­ren aus Zir­kon, die wie­der­um von Gra­phit-Blö­cken als Mode­ra­tor umge­ben sind. Die Gra­phit-Blö­cke ent­hal­ten Boh­run­gen für die bor­hal­ti­gen Steu­er­stä­be zur Neu­tro­nen­ab­sorp­ti­on. Der Gra­phit-Mode­ra­tor wird bei einer Tem­pe­ra­tur von unge­fähr 500 – 700 Grad Cel­si­us ein­ge­setzt. Um eine Ent­zün­dung des Gra­phits zu ver­mei­den, befin­det sich die­ser in einem gas­dich­ten Behäl­ter mit einer Schutz­at­mo­sphä­re aus Heli­um und Stick­stoff (Quel­le: LEIFIphysik.de). 

Durch die Druck­röh­ren zir­ku­liert Leicht­was­ser, das außer­halb der Röh­ren in einem Kreis­lauf bei nor­ma­lem Luft­druck fließt. Zir­ku­la­ti­ons­pum­pen erhal­ten den Was­ser­fluss auf­recht. Bei die­sem Druck sie­det Was­ser schon bei 100 Grad Cel­si­us. Damit gehört der RBMK-1000 zur Klas­se der Sie­de­was­ser­re­ak­to­ren. In Dampf­trom­meln wer­den das ver­blei­ben­de Was­ser und der Dampf getrennt. Der Dampf treibt die Tur­bi­nen an, die wie­der­um die Gene­ra­to­ren zur Strom­erzeu­gung in Bewe­gung setzen.

Auf die Risi­ken die­ses Reak­tor­typs wird spä­ter im Zusam­men­hang mit der Kata­stro­phe von Tscher­no­byl eingegangen.

Reaktortyp RBMK1000 Tschernobyl
Sche­ma­ti­scher Auf­bau des Reak­tors RBMK-1000 in Tscher­no­byl; Rech­te: CCO by LEIFIphysik.de

Wassermoderierte Siedewasser- und Druckwasserreaktoren

Leicht­was­ser­re­ak­to­ren, in denen Was­ser eine Mehr­fach­funk­ti­on über­nimmt, setz­ten sich durch. Sie ver­dräng­ten das im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes brand­ge­fähr­li­che Gra­phit aus den Kern­re­ak­to­ren. Letzt­end­lich ver­blieb nur noch die Ent­schei­dung zwi­schen Leicht­was­ser­re­ak­to­ren mit bei Nor­mal­druck sie­den­dem Was­ser sowie einem Reak­tor­druck­be­häl­ter, bei dem Was­ser bis zu 300 Grad Cel­si­us erhitzt wer­den kann, ohne zu sieden.

Die Rezept­zu­ta­ten der Ener­gie­ge­win­nung in Leicht­was­ser­re­ak­to­ren mit Sie­de­was­ser- und Druck­was­ser­re­ak­to­ren sind gleich. Sie lau­ten: 

  1. Brenn­stoff: ange­rei­cher­tes Uran-235
  2. Neu­tro­nen­quel­le: belie­bi­ger Neutronenstrahler
  3. Neu­tro­nen­ab­sor­ber: Bor­säu­re als Zusatz im Was­ser sowie Bor­car­bid oder Cad­mi­um in Steuerstäben
  4. Mode­ra­to­ren: Leichtwasser
  5. Wär­me­trans­port und Küh­lung: Wasserkreislauf
  6. Sicher­heits­kon­zep­te und Abfall­be­hand­lung: Not­strom­ag­gre­ga­te zur Auf­recht­erhal­tung der Kühl­kreis­läu­fe sowie Abkling­be­cken für aus­ge­brann­te Brennstäbe

Der Unter­schied besteht vor­ran­gig im Sicher­heits­kon­zept. Beim Sie­de­was­ser­re­ak­tor fließt Was­ser im Kreis­lauf unter Wär­me­auf­nah­me im Reak­tor zum Dampf­erzeu­ger, wei­ter zum Antrieb der Tur­bi­nen und nach Abküh­lung zurück zum Reak­tor. Damit besteht eine direk­te Ver­bin­dung zwi­schen den Sicher­heits­be­rei­chen im Reak­tor­ge­bäu­de zu tech­ni­schen Ein­rich­tun­gen zur Strom­erzeu­gung mit Tur­bi­nen und Gene­ra­to­ren ent­spre­chend nach­fol­gen­der Abbildung.

Von Vor­teil ist die gerin­ge­re Kom­ple­xi­tät des Sie­de­was­ser­re­ak­tors (SWR) gegen­über dem Druck­was­ser­re­ak­tor (DWR). Der SWR benö­tigt somit weni­ger War­tung bei einem ein­fa­che­ren Betrieb. Wei­ter­hin kann die­ser Reak­tor­typ den Brenn­stoff effi­zi­en­ter nut­zen als der DWR, um die glei­che Men­ge Ener­gie zu erzeu­gen. Sowohl der Bau als auch der Betrieb sind kos­ten­güns­ti­ger. 

Kernkraftwerk mit Siedewasserreaktor
Sche­ma­ti­scher Auf­bau eines Kern­kraft­wer­kes mit Sie­de­was­ser­re­ak­tor; copy­right by Ado­be Stocks No. 32942380

Zusätz­lich zum höhe­ren Risi­ko radio­ak­ti­ver Ver­seu­chung der tech­ni­schen Berei­che mit Tur­bi­nen und Gene­ra­to­ren außer­halb des Reak­tor­ge­bäu­des besitzt der SWR gegen­über dem DWR wei­te­re Nach­tei­le. Ins­be­son­de­re ver­wen­det der Sie­de­was­ser­re­ak­tor unter Nor­mal­druck bei 100 Grad Cel­si­us kochen­des Was­ser als Kühl­mit­tel und Mode­ra­tor. Dies führt zu einer erhöh­ten Anfäl­lig­keit für Dampf­ex­plo­sio­nen und Kor­ro­si­on. Wei­ter­hin stel­len die­se Reak­to­ren auf­grund der gerin­ge­ren Drü­cke weni­ger Leis­tung als DWRs bereit. Außer­dem ver­ur­sacht die Dampf­bla­sen­bil­dung von kochen­dem Was­ser mög­li­che insta­bi­le Bedin­gun­gen im Reaktorkern.

Druckwasserreaktor

Ein Druck­was­ser­re­ak­tor bie­tet zwei ent­schei­den­de Vor­tei­le. Das Was­ser als Mode­ra­tor und Wär­me­trans­port­mit­tel wird einem Druck von unge­fähr 150 bis 170 Atmo­sphä­ren aus­ge­setzt. So sie­det es bis zu einer Betriebs­tem­pe­ra­tur von 280 bis 300 Grad Cel­si­us nicht. Im Nor­mal­be­trieb bil­den sich damit kei­ne Bla­sen. Zusätz­lich trennt ein Wär­me­tau­scher und Dampf­erzeu­ger den Pri­mär­kühl­kreis­lauf des Reak­tors vom Sekun­där­kühl­kreis­lauf im Tur­bi­nen- und Genera­tor­ge­bäu­de. 

Der Druck­was­ser­re­ak­tor besitzt somit eine höhe­re Betriebs­si­cher­heit als der SWR. Gleich­zei­tig erreicht der DWR auf­grund des höhe­ren Dru­ckes und der höhe­ren Tem­pe­ra­tu­ren im Reak­tor­kern mehr Leistung.

Druck­was­ser­re­ak­to­ren sind aber tech­nisch kom­ple­xer, was zu höhe­ren War­tungs- und Betriebs­kos­ten führt. Auch die Bau­kos­ten sind höher. Sie errei­chen zwar mehr Leis­tung, nut­zen aber den Brenn­stoff weni­ger effi­zi­ent als SWRs. 

Kernkraftwerk mit Druckwasserreaktor
Sche­ma­ti­scher Auf­bau eines Kern­kraft­wer­kes mit Druck­was­ser­re­ak­tor; Von San Jose, Nia­bot (SVG ver­si­on) — Eige­nes Werk, basie­rend auf: Nuclear power plant pwr dia­gram de.png, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7133797

Schneller Brüter

Zum Schluss gehen wir noch kurz auf den Reak­tor­typ unter der erklä­rungs­be­dürf­ti­gen Bezeich­nung „Schnel­ler Brü­ter“ ein. Er basiert auf der Nut­zung schnel­ler Neu­tro­nen und benö­tigt somit kei­nen Mode­ra­tor. Bis zum Ende des 20. Jahr­hun­derts arbei­te­ten Län­der wie die USA, Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Russ­land, Indi­en, Japan und Deutsch­land an der Ent­wick­lung schnel­ler Brutreaktoren.

Die Tech­no­lo­gie des Schnel­len Brü­ters basiert einer­seits auf Pro­zes­sen zur Umwand­lung von Uran-238 oder von Tho­ri­um-232 in spalt­ba­res Mate­ri­al, also Uran 235 oder Plu­to­ni­um-239.  Der Reak­tor erbrü­tet somit sei­nen Brenn­stoff selbst. Ander­seits nutzt er phy­si­ka­li­sche Mög­lich­kei­ten, die für die Ket­ten­re­ak­ti­on not­wen­di­ge Wahr­schein­lich­keit zur Kern­spal­tung auch ohne Abbrem­sung schnel­ler Neu­tro­nen zu errei­chen. Die Fähig­keit zur Nut­zung schnel­ler Neu­tro­nen und zum Brü­ten von Brenn­stoff gaben dem Reak­tor sei­nen Namen. Der Reak­tor lie­fert sowohl elek­tri­sche Ener­gie als auch den dafür benö­tig­ten Roh­stoff. Natür­lich bekun­de­te auch das Mili­tär auf­grund der Fähig­keit, Plu­to­ni­um für Atom­bom­ben zu pro­du­zie­ren, hohes Inter­es­se an die­sem Reaktorkonzept.

Obwohl der Schnel­le Brü­ter eine höhe­re Effi­zi­enz bei der Ener­gie­er­zeu­gung erreicht als her­kömm­li­che Atom­re­ak­to­ren, ist er deut­lich kom­ple­xer und teu­rer in der Her­stel­lung sowie risi­ko­rei­cher im Betrieb. Dies führ­te zu poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und sicher­heits­be­zo­ge­nen Beden­ken gegen­über schnel­len Brü­tern. Pro­jek­te zur Ent­wick­lung und Imple­men­tie­rung die­ser Tech­no­lo­gie ende­ten somit in der Regel erfolglos.

Ledig­lich noch Russ­land, Chi­na, Indi­en und Japan unter­neh­men wei­te­re Anstren­gun­gen bezüg­lich die­ser Reak­to­ren. Russ­land nahm den BN-800 im Kern­kraft­werk Beloyarsk in Betrieb und arbei­tet der­zeit an der Ent­wick­lung des BN-1200. Chi­na ent­wi­ckel­te den CEFR, einen expe­ri­men­tel­len Schnel­len Brü­ter, und arbei­tet am Natri­um-gekühl­ten Reak­tor CFR-600 der Gene­ra­ti­on IV. Auch Indi­en unter­nimmt mit dem SNF‑2 Anstren­gun­gen zum Schnel­len Brü­ter, der aber mit Tho­ri­um arbei­ten soll, um spalt­ba­res Mate­ri­al zu pro­du­zie­ren. Auf die Klas­se der Tho­ri­um-Reak­to­ren gehen wir im Kapi­tel zu Reak­to­ren der Gene­ra­ti­on IV ein. Eben­so plant Japan nach der Abschal­tung der Mon­ju-Pro­to­ty­pen die Ent­wick­lung an schnel­len Brü­tern wie­der auf­zu­neh­men. 

Quellen

[LEIFIphysik.de] Sche­ma­ti­scher Auf­bau des Reak­tors RBMK-1000 in Tscher­no­byl. Rech­te: CCO by LEIFIphysik.de. abge­ru­fen in: LEIFI­phy­sik, URL: http://www.leifiphysik.de.

 

Leicht­was­ser­re­ak­to­ren der Gene­ra­ti­on II” — Lei­men / Hei­del­berg — 07. März 2023

Andre­as Kieß­ling, ener­gy design

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