Nukleare Option für die Industrie 2050

Nukleare Option für die Industrie 2050

Wie kleine modulare Reaktoren (SMRs) den wachsenden Energiehunger der Industrie nachhaltig stillen können

Abstract

Klei­ne modu­la­re Reak­to­ren (Small Modu­lar Reac­tors — SMRs) wer­den in der Uren­co/Lu­cid­Ca­ta­lyst-Stu­die als zen­tra­le Opti­on für die Dekar­bo­ni­sie­rung ener­gie­in­ten­si­ver Indus­trie bis 2050 unter­sucht. Der Arti­kel “Nuklea­re Opti­on für die Indus­trie 2050” ord­net ein, wel­ches tech­ni­sche Poten­zi­al SMRs in elf Indus­trie­sek­to­ren besit­zen, wie dar­aus ein rea­lis­ti­scher Markt von bis zu 700 Giga­watt ent­ste­hen könn­te und wel­che Rol­le Kos­ten, Regu­lie­rung, Stand­or­te, Kapi­tal und Lie­fer­ket­ten dabei spie­len. Im Ergeb­nis zeigt sich: Die phy­si­ka­li­schen Mög­lich­kei­ten sind groß, ent­schei­dend ist nun, ob Poli­tik und Indus­trie recht­zei­tig die indus­tri­el­le Ska­lie­rung ermöglichen.

Ohne die Nut­zung der Kern­ener­gie wird es sehr schwer, unse­re Kli­ma­zie­le recht­zei­tig zu errei­chen.“
Fatih Birol, Exe­ku­tiv­di­rek­tor der Inter­na­tio­na­len Ener­gie­agen­tur (IEA)

SMRs als Industriebaustein – was hier eigentlich untersucht wird

Stel­len wir uns eine typi­sche Indus­trie­land­schaft im Jahr 2040 oder 2050 vor: ein Clus­ter aus Rechen­zen­tren, Che­mie­fa­bri­ken, Raf­fi­ne­rien, Stahl­wer­ken und viel­leicht einem Hafen für syn­the­ti­sche Kraft­stof­fe. Die Anla­gen lau­fen Tag und Nacht, vie­le Pro­zes­se dul­den kei­ne Unter­bre­chung, die Strom- und Wär­me­las­ten sind hoch und schwan­ken teils abrupt. Heu­te hän­gen sol­che Stand­or­te meist an Gas­lei­tun­gen, an fos­si­len Kes­seln und an einem Strom­netz, das in wei­ten Tei­len noch vom Koh­len­stoff geprägt ist. Wenn die­se Welt kli­ma­neu­tral wer­den soll, genügt es nicht, die Ener­gie­ver­sor­gung aus­schließ­lich auf Solar- und Wind­ener­gie auf­zu­bau­en. Die zen­tra­le Fra­ge lau­tet: Wer ver­sorgt die­se Indus­trie lang­fris­tig bei wach­sen­dem Ener­gie­hun­ger mit zuver­läs­si­ger, sau­be­rer Energie?

Genau hier setzt die gemein­sa­me Stu­die von Uren­co und Lucid­Ca­ta­lyst an. Sie trägt den pro­gram­ma­ti­schen Titel „Eine neue nuklea­re Welt: Wie klei­ne modu­la­re Reak­to­ren (SMRs) die Indus­trie mit Ener­gie ver­sor­gen kön­nen. Dabei unter­sucht sie nicht nur, ob SMRs phy­si­ka­lisch funk­tio­nie­ren, son­dern ob sie als indus­tri­el­les Ener­gie­pro­dukt bis 2050 in gro­ßem Maß­stab markt­fä­hig wer­den kön­nen. Im Fokus ste­hen elf Indus­trie­zwei­ge in Nord­ame­ri­ka und Euro­pa, die zusam­men mehr als acht­zig Pro­zent des indus­tri­el­len Ener­gie­be­darfs die­ser Regio­nen aus­ma­chen und bis 2050 rund 17.000 Tera­watt­stun­den Ener­gie pro Jahr benö­ti­gen. [1]

Die Stu­die dient damit weni­ger der tech­no­lo­gi­schen Reak­tor­be­schrei­bung, son­dern beinhal­tet eine sys­te­ma­ti­sche Markt­sich­tung: Wie groß ist das tech­ni­sche Poten­zi­al der SMRs? Wel­che Hür­den begren­zen den rea­lis­tisch zugäng­li­chen Markt? Und wel­che Wei­chen müss­ten Poli­tik, Indus­trie und Nukle­ar­bran­che in den nächs­ten Jah­ren stel­len, damit aus Pilot­pro­jek­ten eine neue indus­tri­el­le Säu­le der Ener­gie­ver­sor­gung wird?

SMRs als Industriebaustein

Unter klei­nen modu­la­ren Reak­to­ren (Small Modu­lar Reac­tors, SMR) ver­steht die Stu­die ein Spek­trum von Reak­tor­an­sät­zen, die typi­scher­wei­se eini­ge Dut­zend bis eini­ge Hun­dert Mega­watt Leis­tung pro Modul bereit­stel­len. Tech­no­lo­gisch reicht die Band­brei­te von fort­ge­schrit­te­nen Leicht­was­ser­kon­zep­ten bis hin zu Hoch­tem­pe­ra­tur- oder Flüs­sig­s­alz­sys­te­men. Ent­schei­dend ist aus Sicht der Stu­die jedoch nicht, ob es sich um einen Druck- oder einen Flüs­sig­s­alz­re­ak­tor han­delt, son­dern wel­che Ener­gie­dienst­leis­tun­gen am Ende zur Ver­fü­gung stehen.

Für die Indus­trie zäh­len drei Eigen­schaf­ten besonders.

Ers­tens die Grund­last­fä­hig­keit: SMRs lie­fern kon­ti­nu­ier­lich Strom und Wär­me, unab­hän­gig von Wet­ter und Tageszeit.

Zwei­tens die Tem­pe­ra­tur: Vie­le Kon­zep­te kön­nen Pro­zess­wär­me im Bereich meh­re­rer hun­dert Grad Cel­si­us bereit­stel­len, also in einem Bereich, in dem aktu­ell Erd­gas ver­brannt wird, etwa in Raf­fi­ne­rien, Che­mie­an­la­gen oder bei der Wasserstoffproduktion.

Drit­tens die Stand­ort­fle­xi­bi­li­tät: Durch die ver­gleichs­wei­se kom­pak­te Bau­wei­se las­sen sich SMRs näher an indus­tri­el­le Ver­brauchs­zen­tren her­an­brin­gen als klas­si­sche Groß­re­ak­to­ren, ohne dass gleich ein Giga­watt-Block errich­tet wer­den muss.

Die Stu­die prüft, wie gut die­se Eigen­schaf­ten zu den kon­kre­ten Ener­gie­mus­tern der elf betrach­te­ten Bran­chen pas­sen. Das Ergeb­nis fällt aus­ge­spro­chen posi­tiv aus: SMRs kön­nen tech­nisch – je nach Sek­tor – einen sehr gro­ßen Teil des Bedarfs an Strom, Pro­zess­wär­me und syn­the­ti­schen Ener­gie­trä­gern abde­cken. Im Sze­na­rio der „ange­kün­dig­ten Zusa­gen“ ergibt sich für Nord­ame­ri­ka und Euro­pa zusam­men ein tech­ni­sches Poten­zi­al von gut 15.000 Tera­watt­stun­den pro Jahr, was eine erfor­der­li­che SMR-Kapa­zi­tät von rund 2.200 Giga­watt impli­ziert, wenn man Wir­kungs­gra­de und Umwand­lungs­ver­lus­te etwa bei syn­the­ti­schen Kraft­stof­fen berücksichtigt.

Die­ses tech­ni­sche Poten­zi­al ist die phy­si­ka­li­sche Ober­gren­ze: Wenn man aus­schließ­lich auf Last­pro­fi­le, Tem­pe­ra­tur­ni­veaus, Stand­ort­an­for­de­run­gen und Pro­zess­ket­ten schaut, wäre eine Deckung die­ses Bedarfs durch SMRs mög­lich. Dass die­se 2.200 Giga­watt nicht in vol­ler Höhe rea­lis­tisch sind, ist der Aus­gangs­punkt für die wei­te­re Ana­ly­se der Studie.

Vom technischen Potenzial zum zugänglichen Markt

Zwi­schen einem theo­re­ti­schen Poten­zi­al von 2.200 Giga­watt und einer tat­säch­lich instal­lier­ten Leis­tung klafft natur­ge­mäß eine erheb­li­che Lücke. Die Autoren unter­schei­den des­halb zwi­schen dem tech­ni­schen Poten­zi­al, einem adres­sier­ba­ren Markt und dem tat­säch­lich zugäng­li­chen Markt. Letz­te­rer hängt von einer Rei­he nicht-phy­si­ka­li­scher Bedin­gun­gen ab: Kos­ten, regu­la­to­ri­sche Ver­fah­ren, ver­füg­ba­re Stand­or­te, Lie­fer­ket­ten, Kapi­tal­zu­gang und poli­ti­scher Rahmen.

Zunächst wer­den aus Ange­bots- und Nach­fra­ge­sicht Sze­na­ri­en defi­niert. Auf der Ange­bots­sei­te model­liert die Stu­die vier Ver­sor­gungs­sze­na­ri­en, die im Kern beschrei­ben, wie die Kern­ener­gie­in­dus­trie arbei­tet: vom tra­di­tio­nel­len, maß­ge­schnei­der­ten Bau­vor­ha­ben hin zur ech­ten Mas­sen­fer­ti­gung von stan­dar­di­sier­ten Modu­len. Im aktu­el­len Sze­na­rio blei­ben SMRs ein Rand­phä­no­men: Es wird mit Ein­zel­pro­jek­ten gear­bei­tet, die vor Ort über mehr als zehn Jah­re gebaut wer­den, mit Kos­ten in der Grö­ßen­ord­nung von 125 Dol­lar pro Mega­watt­stun­de und einer jähr­li­chen Aus­bau­leis­tung von weni­ger als einem Giga­watt pro Regi­on. Unter sol­chen Bedin­gun­gen ent­steht kein nen­nens­wer­ter Markt, die Stu­die bezif­fert den Ein­satz bis 2050 auf gera­de ein­mal rund 7 Gigawatt.

Das pro­gram­ma­ti­sche Sze­na­rio unter­stellt bereits deut­lich bes­se­re Pro­jekt­orga­ni­sa­ti­on: stan­dar­di­sier­te Bau­wei­se, wie­der­keh­ren­de Pro­zes­se, staat­li­che Finan­zie­rungs­hil­fen. Aus­bau­leis­tun­gen von fünf bis zehn Giga­watt pro Jahr wären mög­lich, die Kos­ten könn­ten auf 90 bis 125 Dol­lar pro Mega­watt­stun­de sin­ken. Doch selbst in die­ser Welt kom­men die Autoren nur auf eine kumu­lier­te SMR-Leis­tung von etwa 120 Giga­watt bis 2050 – weit ent­fernt vom tech­ni­schen Potenzial.

Der ent­schei­den­de Sprung erfolgt im soge­nann­ten Brea­kout-Sze­na­rio. Hier wer­den Reak­tor­mo­du­le in kern­tech­nisch qua­li­fi­zier­ten Werf­ten vor­ge­fer­tigt und als stan­dar­di­sier­te Kraft­werks­pro­duk­te aus­ge­lie­fert. Bestehen­de Fer­ti­gungs­in­fra­struk­tu­ren wer­den genutzt, Design-for-Manu­fac­tu­ring-and-Assem­bly – also eine Kon­struk­ti­on von Anfang an für Fabrik­fer­ti­gung und Mon­ta­ge – wird kon­se­quent ange­wen­det. In die­ser Welt sin­ken die Strom­ge­ste­hungs­kos­ten auf etwa 60 bis 90 Dol­lar pro Mega­watt­stun­de, die Pro­jekt­lauf­zei­ten auf zwei bis drei Jah­re und die Bereit­stel­lungs­ra­ten auf zehn bis fünf­zehn Giga­watt pro Jahr und Regi­on. Die Stu­die kommt hier bereits auf einen kumu­lier­ten Ein­satz von rund 347 Giga­watt bis 2050.

Das Trans­for­ma­ti­ons­sze­na­rio schließ­lich beschreibt den Ziel­zu­stand einer voll indus­tria­li­sier­ten Kern­tech­nik. Mas­sen­fer­ti­gungs­an­la­gen pro­du­zie­ren hun­der­te Reak­tor­ein­hei­ten pro Jahr, in jeder rele­van­ten Regi­on sind bis 2050 zwei sol­cher Wer­ke in Betrieb. Pro­jek­te wer­den in zwei bis drei Jah­ren oder schnel­ler abge­schlos­sen, die Kos­ten sin­ken auf etwa 40 bis 60 Dol­lar pro Mega­watt­stun­de, und es wer­den zwan­zig bis fünf­und­zwan­zig Giga­watt SMR-Leis­tung pro Jahr und Regi­on in den Markt gebracht. Unter die­sen Bedin­gun­gen ent­steht der zugäng­li­che Markt von knapp 700 Giga­watt, den die Stu­die als zen­tra­le Chan­ce iden­ti­fi­ziert – das ent­spricht etwa 2.300 Reak­to­ren mit jeweils 300 Mega­watt Leis­tung und einem Inves­ti­ti­ons­vo­lu­men von 0,5 bis 1,5 Bil­lio­nen US-Dollar.

Die Kern­aus­sa­ge die­ses Teils lässt sich auf eine For­mel brin­gen: Die Phy­sik erlaubt 2.200 Giga­watt, die heu­ti­ge Pra­xis lie­fert 7 Giga­watt – und nur ein kon­se­quen­ter Wech­sel hin zu einem Pro­dukt- und Fer­ti­gungs­mo­dell bringt die Grö­ßen­ord­nung von 700 Giga­watt in Reichweite.

Der durch­schnitt­li­che Bedarf der Mensch­heit an elek­tri­scher Leis­tung beträgt rund 3.500 Giga­watt. Die Indus­trie­pro­zes­se benö­ti­gen davon welt­weit durch­schnitt­lich 1.500 Giga­watt. Dies betrifft ins­be­son­de­re die Indus­trie­schwer­punk­te Che­mie & Petro­che­mie inkl. Phar­ma, Stahl, Alu­mi­ni­um­/­Nicht­ei­sen-Metal­le, Zement/nichtmetallische Mine­ra­li­en, Rechen­zen­tren inklu­si­ve KI-Zen­tren und Meer­was­ser­ent­sal­zung. Beson­ders die­se Indus­trie­zwei­ge arbei­ten oft 24 Stun­den am Tag und 7 Tage die Woche. Somit besteht nur ein gerin­ges Poten­zi­al zur Fle­xi­bi­li­sie­rung der Nach­fra­ge­sei­te. Aber gera­de die­ses Poten­zi­al wird zum Aus­gleich der schwan­ken­den Erzeu­gung von Wind- und Solar­ener­gie benö­tigt. Haus­hal­te, Elek­tro­mo­bi­li­tät, Gewer­be­un­ter­neh­men und Wär­me­er­zeu­gung und ‑spei­che­rung bie­ten viel­fäl­ti­ge Fle­xi­bi­li­täts­po­ten­zia­le. Die genann­ten Indus­trie­zwei­ge set­zen dage­gen auf ein kon­stan­tes Strom­an­ge­bot. Bezüg­lich des abge­schätz­ten Bedar­fes der welt­wei­ten Indus­trie­un­ter­neh­men in Höhe von 1.500 Giga­watt berech­nen die Autoren der Stu­die ein mit SMRs erschließ­ba­res Poten­zi­al von 700 Giga­watt und damit 50% des Gesamt­be­dar­fes. Vor­aus­set­zung für die Wirt­schaft­lich­keit die­ses Ansat­zes ist eine voll­stän­dig indus­tria­li­sier­te Kerntechnik.

Nachfrage: Wann entscheidet sich die Industrie für SMRs?

Ange­bots­sei­tig kann man also durch indus­tri­el­le Fer­ti­gung und Stan­dar­di­sie­rung erheb­li­che Kos­ten- und Zeit­ge­win­ne rea­li­sie­ren. Den­noch bleibt die Fra­ge, wie viel Nach­fra­ge tat­säch­lich ent­steht. Die Stu­die model­liert dazu ver­schie­de­ne Ener­gie­be­darfs-Sze­na­ri­en, die sich in drei Fak­to­ren unter­schei­den: zukünf­ti­ge Gas­prei­se, eine mög­li­che Sicher­heits­prä­mie für beson­ders zuver­läs­si­ge Ver­sor­gung und den Grad poli­ti­scher Unter­stüt­zung für Emissionsfreiheit.

Im ein­fachs­ten Sze­na­rio ori­en­tie­ren sich Groß­ver­brau­cher an den rei­nen Ener­gie­kos­ten, also im Wesent­li­chen an den lang­fris­ti­gen Gas­prei­sen, die mit 14 bis 34 Dol­lar pro Mega­watt­stun­de ange­setzt wer­den. SMRs müs­sen dann rein über ihre Erzeu­gungs­kos­ten und typi­sche Kapi­tal­kos­ten gegen Ener­gie aus Gas antre­ten. Stei­gen­de Gas­prei­se ver­bes­sern hier natur­ge­mäß die rela­ti­ve Wett­be­werbs­po­si­ti­on der Kern­ener­gie. In einem Ener­gie­si­cher­heits­sze­na­rio kommt hin­zu, dass bestimm­te Bran­chen – etwa Rechen­zen­tren – bereit sind, zusätz­li­che Prä­mi­en für Ver­sor­gungs­si­cher­heit und Netz­dien­lich­keit zu bezah­len. Die Stu­die ver­weist auf Anbie­ter, die bereits heu­te über 100 Dol­lar pro Mega­watt­stun­de für sau­be­re und hoch­zu­ver­läs­si­ge Lösun­gen akzeptieren.

Die bei­den ambi­tio­nier­te­ren Sze­na­ri­en hei­ßen „ange­kün­dig­te Zusa­gen“ und „Net­to-Null bis 2050“. Sie spie­geln poli­ti­sche Ziel­set­zun­gen wider, die über rei­ne Markt­lo­gik hin­aus­ge­hen. In bei­den Fäl­len wer­den die Gas­prei­se durch poli­ti­sche Instru­men­te wie CO₂-Zer­ti­fi­ka­te, Min­dest­prei­se oder För­der­pro­gram­me um 70 bis über 100 Dol­lar pro Mega­watt­stun­de nach oben kor­ri­giert. In Euro­pa wird etwa ein Preis­auf­schlag von 45 Dol­lar pro Mega­watt­stun­de aus dem Emis­si­ons­han­dels­sys­tem berück­sich­tigt; in den ambi­tio­nier­ten Kli­ma­sze­na­ri­en sum­mie­ren sich die­se Auf­schlä­ge je nach Weltregion.

Der resul­tie­ren­de Effekt ist klar: Je höher Gas­prei­se und der poli­ti­sche Wert von Emis­si­ons­frei­heit ange­setzt wer­den, des­to grö­ßer wird der Preis­raum, in dem SMRs für Groß­ver­brau­cher attrak­tiv sind. Anders for­mu­liert: Wenn man sau­be­re, zuver­läs­si­ge Ener­gie als stra­te­gi­schen Pro­duk­ti­ons­fak­tor defi­niert und dies poli­tisch wie unter­neh­me­risch ernst nimmt, ist die Zah­lungs­be­reit­schaft für SMR-Ener­gie deut­lich höher, als man bei einem rei­nen, kurz­fris­ti­gen Brenn­stoff­ver­gleich erwar­ten würde.

Sechs Markttreiber als Stellschrauben zwischen 7 und 700 Gigawatt

Die Autoren iden­ti­fi­zie­ren sechs ent­schei­den­de Markt­trei­ber, die wie Stell­schrau­ben wir­ken und dar­über ent­schei­den, ob sich der SMR-Markt bei 7, 120, 347 oder 700 Giga­watt ein­pen­delt. Sie knüp­fen damit an die intui­ti­ve Beob­ach­tung an, dass es in der Kern­ener­gie nicht nur um Reak­tor­phy­sik geht, son­dern um Lie­fer­ket­ten, Regu­lie­rung, Kapi­tal und Vertrauen.

Die ers­te Stell­schrau­be ist die Lie­fe­r­in­no­va­ti­on: Der Über­gang vom maß­ge­schnei­der­ten Vor-Ort-Bau zum stan­dar­di­sier­ten Pro­dukt aus Werf­ten und Fabri­ken. Hier spielt die kon­se­quen­te Anwen­dung von Design-for-Manu­fac­tu­ring-and-Assem­bly eine zen­tra­le Rol­le. Je mehr Wert­schöp­fung in kon­trol­lier­te Fer­ti­gungs­um­ge­bun­gen ver­la­gert wird, des­to gerin­ger sind typi­sche Risi­ken von Ter­min- und Kos­ten­über­schrei­tun­gen, die in der Ver­gan­gen­heit gro­ße Kern­kraft­pro­jek­te geprägt haben.

Zwei­tens geht es um regu­la­to­ri­sche Ent­wick­lung. Solan­ge jeder Reak­tor in einem lang­wie­ri­gen Stand­ort-für-Stand­ort-Ver­fah­ren behan­delt wird, bleibt die Ska­lier­bar­keit begrenzt. Die Stu­die plä­diert – in Anleh­nung an mari­ti­me Typ­ge­neh­mi­gun­gen – für pro­dukt­ba­sier­te Lizen­zie­run­gen: Stan­dar­di­sier­te Reak­tor­mo­du­le wür­den ein­mal umfas­send geprüft und könn­ten anschlie­ßend an ver­schie­de­nen Stand­or­ten unter klar defi­nier­ten Rah­men­be­din­gun­gen ein­ge­setzt werden.

Drit­tens steht die wirt­schaft­li­che Ren­ta­bi­li­tät im Zen­trum. Damit ist nicht gemeint, dass Kern­ener­gie durch per­ma­nen­te Sub­ven­tio­nen am Leben erhal­ten wer­den soll, son­dern dass Erzeu­gungs­kos­ten und Markt­de­sign so zusam­men­ge­bracht wer­den, dass die Beson­der­hei­ten der Kern­ener­gie – Emis­si­ons­frei­heit, Grund­last­fä­hig­keit, Brenn­stoff­si­cher­heit – im Preis­ge­fü­ge ange­mes­sen abge­bil­det wer­den. Kos­ten­sen­kun­gen durch Werft­fer­ti­gung und Mas­sen­pro­duk­ti­on müs­sen hier mit CO₂-Beprei­sung, Kapa­zi­täts­märk­ten oder lang­fris­ti­gen Abnah­me­ver­trä­gen zusammenspielen.

Die vier­te Stell­schrau­be ist die Stand­ort­ver­füg­bar­keit. Eine Hand­voll poten­zi­el­ler Kern­kraft­werks­stand­or­te in poli­tisch umkämpf­ten Regio­nen reicht nicht aus, um einen Markt mit meh­re­ren Hun­dert Giga­watt zu ver­sor­gen. Erst wenn hun­der­te vor­qua­li­fi­zier­te Stand­or­te – häu­fig in oder nahe bestehen­den Indus­trie­clus­tern – defi­niert und geneh­mi­gungs­recht­lich vor­be­rei­tet sind, kann der Aus­bau schnell skalieren.

Fünf­tens braucht der SMR-Markt geeig­ne­ten Zugang zu Kapi­tal. In frü­hen Pha­sen wer­den staat­li­che Akteu­re, Export­kre­di­tagen­tu­ren und spe­zi­el­le För­der­pro­gram­me eine gro­ße Rol­le spie­len. Mit zuneh­men­der Erfah­rung und ver­läss­li­chen Pro­jekt­re­fe­ren­zen müs­sen jedoch klas­si­sche Infra­struk­tur­fonds, Pen­si­ons­kas­sen und Ban­ken in der Lage sein, SMR-Pro­jek­te als kal­ku­lier­ba­re Inves­ti­tio­nen zu bewer­ten. Sin­ken­de Kapi­tal­kos­ten ver­stär­ken dabei die Kos­ten­vor­tei­le aus der Fertigung.

Schließ­lich ver­weist die Stu­die auf das Ent­wick­ler-Öko­sys­tem. Gemeint sind Pro­jekt­ent­wick­ler, EPC-Unter­neh­men (Engi­nee­ring, Pro­cu­re­ment, Con­s­truc­tion – Inge­nieur­we­sen, Beschaf­fung, Bau), Zulie­fe­rer und Betrei­ber, die wie­der­holt erfolg­rei­che Pro­jek­te umset­zen, aus Feh­lern ler­nen und in der Lage sind, bran­chen­über­grei­fen­de Lösun­gen für Groß­ver­brau­cher anzu­bie­ten. Ein sol­ches Öko­sys­tem ent­steht nicht von heu­te auf mor­gen; es wächst durch Pilot­pro­jek­te, Demons­tra­to­ren und die schritt­wei­se Ska­lie­rung zu grö­ße­ren Programmen.

Die Autoren ver­knüp­fen die­se sechs Trei­ber in einer Matrix und zei­gen, wie jede Ver­bes­se­rung in einem Bereich den zugäng­li­chen Markt ver­grö­ßert. Die Lücke von 7 auf 700 Giga­watt schrumpft also nicht durch einen ein­zel­nen gro­ßen Beschluss, son­dern durch koor­di­nier­ten Fort­schritt an meh­re­ren Fronten.

Einordnung und Implikationen

Was bedeu­tet die­se Stu­die im grö­ße­ren Bild der Ener­gie­wen­de? Zunächst zeigt sie, dass der indus­tri­el­le Ener­gie­be­darf so groß ist, dass selbst ambi­tio­nier­te Aus­bau­pf­a­de bei erneu­er­ba­ren Ener­gien und Spei­cher­tech­no­lo­gien allein nicht aus­rei­chen wer­den, um Strom, Pro­zess­wär­me und syn­the­ti­sche Ener­gie­trä­ger zuver­läs­sig und in gro­ßer Dich­te bereit­zu­stel­len. Gera­de für ener­gie­in­ten­si­ve Bran­chen steht viel auf dem Spiel: Wer kei­ne Ant­wort auf die Fra­ge nach eige­ner, kli­ma­neu­tra­ler Ener­gie­ver­sor­gung hat, ris­kiert mit­tel­fris­tig Wett­be­werbs­nach­tei­le oder Verlagerung.

SMRs wer­den in die­ser Stu­die als ein mög­li­cher Kern­bau­stein einer künf­ti­gen Indus­trie­land­schaft ver­stan­den – nicht als All­heil­mit­tel, aber als Opti­on, die phy­si­ka­lisch in der Lage ist, in weni­gen Qua­drat­ki­lo­me­tern Flä­che meh­re­re hun­dert Mega­watt sau­be­rer Grund­last bereit­zu­stel­len. Sie kön­nen Wind- und Solar­an­la­gen nicht erset­zen, wohl aber ergän­zen, indem sie die wet­ter­ab­hän­gi­gen Erzeu­ger mit sta­bi­ler Leis­tung unter­füt­tern und dort ein­sprin­gen, wo hohe Tem­pe­ra­tu­ren, hohe Ver­füg­bar­kei­ten und netz­fer­ne Stand­or­te gefragt sind.

Gleich­zei­tig ist das Bild bewusst anspruchs­voll gezeich­net. Die Stu­die ver­harm­lost die not­wen­di­gen Ver­än­de­run­gen nicht: Mas­sen­pro­duk­ti­on von Kern­re­ak­to­ren, pro­dukt­ba­sier­te Lizen­zie­run­gen, vor­qua­li­fi­zier­te Stand­or­te, neue Finan­zie­rungs­mo­del­le und ein gewach­se­nes Ent­wick­ler-Öko­sys­tem – all das erfor­dert tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen im nuklea­ren Sek­tor und im ener­gie­po­li­ti­schen Den­ken. Doch genau die­se Ehr­lich­keit macht die Aus­sa­ge­kraft aus: Die Hin­der­nis­se lie­gen weni­ger in der Reak­tor­phy­sik als in der indus­tri­el­len Organisation.

Für die Poli­tik bedeu­tet dies, dass es nicht aus­reicht, Kern­ener­gie ein­fach als „optio­na­le Tech­no­lo­gie“ in Stra­te­gie­pa­pie­re zu schrei­ben. Wenn SMRs bis 2050 einen rele­van­ten Bei­trag lie­fern sol­len, dann müs­sen heu­te Rah­men­be­din­gun­gen geschaf­fen wer­den, die Fer­ti­gungs­in­ves­ti­tio­nen, Stand­ort­ent­wick­lung, regu­la­to­ri­sche Inno­va­ti­on und Nach­fra­ge­bün­de­lung ermög­li­chen. Für die Indus­trie stellt sich die Fra­ge, ob Ener­gie wei­ter­hin als blo­ße Kos­ten­po­si­ti­on behan­delt wird oder als stra­te­gi­scher Pro­duk­ti­ons­fak­tor, in den man gemein­sam mit Tech­no­lo­gie­an­bie­tern investiert.

Die Stu­die von Uren­co und Lucid­Ca­ta­lyst bie­tet damit kei­nen Mas­ter­plan im Sin­ne eines fer­ti­gen Bau­kas­tens, wohl aber eine Land­kar­te: Sie zeigt, wo die phy­si­ka­li­schen Poten­zia­le lie­gen, wel­che Markt­grö­ßen erreich­bar wären und an wel­chen Stell­schrau­ben gedreht wer­den müss­te, um von ver­ein­zel­ten Pilot­re­ak­to­ren zu hun­der­ten indus­tri­el­len SMR-Stand­or­ten zu kom­men. Ob wir im Jahr 2050 auf eine Indus­trie­land­schaft schau­en, in der Gas­lei­tun­gen und fos­si­le Kes­sel domi­nie­ren, oder auf Clus­ter mit eige­nen, sau­be­ren Reak­tor­ker­nen, wird sich nicht von selbst ent­schei­den. Es ist letzt­lich eine Fra­ge der Wei­chen­stel­lun­gen in den 2020er- und frü­hen 2030er-Jah­ren – und damit eine Auf­ga­be, die sehr viel näher in der Zeit liegt, als es der Hori­zont 2050 zunächst ver­mu­ten lässt.

Quellen

[1] Uren­co / Lucid­Ca­ta­lyst (2025): “Eine neue nuklea­re Welt: Wie klei­ne modu­la­re Reak­to­ren (SMRs) die Indus­trie mit Ener­gie ver­sor­gen kön­nen”. SMR-Markt­stu­die für Nord­ame­ri­ka und Euro­pa, PDF-Bericht.

Nuklea­re Opti­on für die Indus­trie 2050: Lei­men / Hei­del­berg — 29. Novem­ber 2025

Andre­as Kieß­ling, ener­gy design

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